Interview mit Lawrence English

„Indem wir spüren, dass nichts selbstverständlich ist, ermächtigen wir uns selbst“

Lawrence English, Berghain, Berlin (Marco Microbi)

Lawrence English, Berghain, Berlin (Marco Microbi)

amusio: „Kann denn zeitgenössische Musik zumindest die Rolle eines Katalysators für das akute Unbehagen in der Kultur übernehmen?“

Lawrence English: „Ich wage zu behaupten, dass Musik sowohl Katalysator als auch Heilung sein kann. Es hängt immer auch von der Situation des Hörers ab. Jener Wechsel von An- und Entspannung etwa, der Musik auszulösen vermag, hilft auf jeden Fall dabei, etwas an uns zu entdecken, womit sich nicht nur der Alltag transzendieren lässt.“

amusio: „Mit dem Visual von Cruel Optimism gibst du einen Hinweis auf die Beschaffenheit von Realität als Konstrukt. Sollten wir uns im Sinne eines Gegenpols zur populären Naivität, zu Verschwörungstheorien oder purem Nonsens also eher gegen die Konstrukte als gegen die Phänomene richten?“

Lawrence English: „Diese Bedeutungsebene wurde mir quasi erst im Nachhinein bewusst. Nachdem ich mich auf die Suche nach den ersten Bildern von Tornados und Hurrikanen begeben hatte, begleitete mich die von einem gewissen C.F. Green stammende Photographie über Jahre hinweg. Als ich mich nach Fertigstellung des Albums dazu entschloss, das Photos für das Cover zu verwenden, fand ich heraus, dass es sich um einen Fake, eine frühe Form der Bildbearbeitung, handelt. Das fand ich dann im Zusammenhang mit Cruel Optimism erst recht passend, korrespondiert es doch mit vielen Aspekten von Auseinandersetzungen, die das Album geprägt haben.“

amusio: „Glaubst du, dass die Wahrnehmung von Klängen eine Qualität besitzt, um im positiven Sinne menschliche Ressourcen zu stimulieren, die bislang unterdrückt wurden oder noch unentdeckt geblieben sind – während seit den Trompeten von Jericho die Zerstörungskraft von Schallschwingungen entsprechend eingesetzt wurde?“

Lawrence English: „Klang ist sowohl ein Versprechen der Dominanz als auch das Geschenk der Befreiung. Und somit ein großartiges Beispiel für die Komplexität des Seins. Klang ist weder nur das eine, noch nur das andere. Klang kann beides sein, aber niemals weder noch. Klang ist immer affektiv und verlockend. Selbst taube Menschen teilen diese Erfahrung. Wir können ihn nicht ausschließen. Selbst wenn wir ihn nicht hören, wirkt er sich doch auf den Körper aus. Darum ergeben sich auch zahllose Fragen um die politische Natur vom Hören und die Politik der Wahrnehmung. Fragen, denen ich mich in Zukunft noch verstärkt und auf unterschiedlichen Wegen widmen werde.“

lawrenceenglish.com

dense.de

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