Zwei Komponistengenerationen im europäischen Maßstab

Kopenhagen: Frühes Zentrum musikalischer Professionalität

Heinrich Schütz und die Gründerväter der dänischen Hofmusik

König Christian II. herrschte auch über Norwegen, weshalb sein Denkmal in Kristiansand zu besichtigen ist (Tomasz Sienicki,  2004, CC-Liz.)

König Christian IV. herrschte auch über Norwegen, weshalb sein Denkmal in Kristiansand zu besichtigen ist (Tomasz Sienicki, 2004, CC-Liz.)

Als Vermittlerin zwischen dem Kopenhagener Hof und Heinrich Schütz muss sich die Schwester des Königs und Witwe des Kurfürsten, Hedwig, eingesetzt haben. Sie half ihm, so weit sich erschließen lässt, entweder mit einer Geldschenkung oder mit einem Kredit beim Kauf eines Hauses in Dresden. Dies geht aus einer Widmungsvorrede der Erstausgabe des so genannten Becker-Psalters von 1628 hervor. Nach neueren Erkenntnissen hielt sich Schütz insgesamt zweimal in Kopenhagen auf. Vermutlich an wesentlicher Stelle hat er 1634 einen kompositorischen Beitrag zu den ausgedehnten Hochzeitsfeierlichkeiten für Christian IV. geleistet. Als Kapellmeister war er offenbar dazu verpflichtet, die musikalischen und szenischen Abläufe während der Hochzeitsfeier zu koordinieren. Die königliche Kapelle bestand zu dieser Zeit aus 57 Musikern. Angereist waren zusätzliche 23 Akteure, unter denen so bekannte Namen wie Heinrich Albert, Gabriel Voigtländer, John Price, Johann Schop und möglicherweise auch Melchior Schildt zu finden waren.

Dass es sich dabei um die angesehensten europäischen Musiker der Zeit handelte, zeigt, welche Bedeutung die dänische Staatsführung der Hochzeit beimaß. Am 10. Oktober wurde die Tragödie von den Tugenden und Lastern auf dem Schloßplatz aufgeführt, nachdem drei Tage zuvor, also zwei Tage nach der eigentlichen Vermählung, ein Ballett des königlichen Tanzmeisters Alexander von Kükelsom nach dem Muster des französischen Ballet de Cour, bestehend aus einer Ouvertüre und 4 bis 5 Handlungssequenzen, die sich aus bis zu 20 Entréen zusammensetzten, gegeben worden war.

Das Ballett selbst wurde nach zwei Chören und einem Ensemblestück von einem der drei vorgesehenen Sololieder, „Oh, Ihr Götter, alle droben“, eingeleitet. Über das Schauspiel dazu heißt es im Bericht Jürgen Holsts, dem Triumphus nuptialis danicus:

Die Götter kommen allesampt in einer Wolcken und lassen sich von oben herab, tanzen auch sämptlich das grosse Ballett dergestalt, daß die Nahmen Christians des Fünfften und Magdalenen Sibyllen durcheinander beständiger Glückwünschung vereiniget und verknüpfft worden.

So präsentierte sich Schloss Christiansborg zum Ende des 17. Jahrhunderts (Københavns Slot, Original: Lithographie von Carl Otto, p.d.).

So präsentierte sich Schloss Christiansborg zum Ende des 17. Jahrhunderts (Københavns Slot, Original: Lithographie von Carl Otto, p.d.).

Es folgen zwei Komödien mit komischen, rustikal anmutenden Intermedien in der Form der niederdeutschen Posse. Den einzigen erhaltenen Teil der gesamten Festmusik stellt Schütz`Gesang der Venus-Kinder dar, der seinen Platz in der vierten von 18 so genannten „Inventionen“ fand, die jedoch nicht eine musikalische Form, sondern allegorische Festzüge bezeichnen. Hierbei zogen Ritter mit Pferden und Triumphwagen durch die Stadt; für das etwas ermüdende Spektakel waren vier Tage vorgesehen. Nach Jensens Überlegungen auf Grund der Quellen ist zu vermuten, dass Schütz kompositorisch – außer dem genannten Lied – kaum mehr zu den Feiern beigetragen hat und es sich bei der Festmusik vielmehr um eine Stückelung der Beiträge verschiedener Komponisten handelte und Schütz mehr die Rolle des Kapellmeisters als des Tonsetzers zukam. Bei seiner Rückreise nach Dresden 1635 nahm er bemerkenswerterweise die Manuskripte der in Dänemark entstandenen Werke nicht mit, entweder weil er sie als Eigentum des Kronprinzenpaares betrachtete oder weil er sie als Begründung für eine weitere Dänemarkreise geltend machen wollte. Nach dem 3. Mai 1642, seinem in Kopenhagen verbuchten Anstellungsdatum, muss Schütz nochmals für eine gewisse Zeit in Dänemark gewesen sein, denn von Dresden aus wurde um die Erneuerung des kaiserlichen Druckprivilegs für seine Werke in Wien nachgesucht; zu diesem Zeitpunkt muss er sich also bereits wieder in seiner Heimat niedergelassen haben.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.