Zwei Komponistengenerationen im europäischen Maßstab

Kopenhagen: Frühes Zentrum musikalischer Professionalität

Gregorius Trehou (1540 – vor 1619) brachte es in seiner flämischen Heimat Antoing vom Sängerknaben bis zum Chorleiter in Brügge. In Antwerpen war er Schuldirektor, ab 1590 nahm er die Stelle als Leiter der dänischen Hofmusik von Bonaventura Borchgrevinck an. Er reiste in die Niederlande, um Sänger für die Kapelle dort zu rekrutieren. Nachdem er in Elsinore ein Haus erhalten hatte, wurde er „canonry“ an der Kathedrale von Roskilde. Als 1611 der Krieg um Kalmar ausbrach, entließ man ihn aus dem höfischen Dienst. Er bekam eine Pension aus dem Fonds der Kathedrale von Aarhus. Er komponierte u.a. sechsstimmige lateinische Motetten. Ein Manuskript vom Heidelberger Hof enthält acht traditionelle französische, drei modernere italienische Motetten sowie eine lateinische Motette aus der Feder Trehous. Vermutlich hat sich der Komponist zu Studien vor 1573 oder nach 1585 in Italien und Deutschland aufgehalten. Er war ansonsten zusammen mit Hubert Waelrant, Pavernage und Cornelis Verdonck als Autor des Boeck der Liefden nach Texten von Pierre de Ronsard bekannt geworden. Außerdem soll er zur Erweiterung des Hexachords durch die Einführung des siebenten Tones im Hexachordum danicum (1646) von Hans Mikkelsen Ravn beigetragen haben.

In den Jahren zwischen 1598 und 1606 gastierte John Dowland (1563? – 1626) am Hof Christian IV. als Lautenist. Dank der Wertschätzung des Königs erhielt er ein Gehalt, das dem eines dänischen Admirals gleichkam. In dieser Zeit erschienen in London wichtige Musikdrucke, für deren Produktion er öfter mehrere Monate von Dänemark wegbleiben musste. Die Welle literarischer Würdigungen durch britische Autoren brach in dieser Zeit nicht ab. 1600 veröffentlichte er The Second Book of Songs or Ayres in einer damals ungewohnt hohen Auflage von 1000 Exemplaren. In sein so betiteltes „drittes und letztes Liederbuch“ nahm Dowland Texte auf, mit denen er offensichtlich Königin Elisabeth schmeicheln wollte, doch verstarb die Regentin im März 1603. 1604 folgte Lachrimae, or Seven Tears, eine Sammlung von Instrumentalstücken. Mit der Widmung an Königin Anne dürfte er Hoffnungen verbunden haben, eine Stelle am englischen Hof zu bekommen. Er verschuldete sich aber trotz des großzügigen dänischen Gehalts. Im März 1606 wurde er aus seinem Kopenhagener Dienstverhältnis entlassen.

Dem Komponisten und Instrumentalisten Melchior Borchgrevinck (? 1569 – Kopenhagen 1632) gelang es als Mitglied der Kopenhagener Hofkapelle rasch, seine Stellung als Musiker zu festigen. Wie Nielsen und Brachrogge erhielt er 1600, bereits als Hoforganist ausgewiesen, die Chance, bei Giovanni Gabrieli in Venedig weiterzustudieren. Seine Karriere führte ihn vom Leiter der Hofkapelle im Jahr 1618 bis zum höchsten Kapellmeisteramt. Orazio Vecchi rühmte ihn bereits in seinem Christian IV. gewidmeten Werk Le veglie di Siena (1604als ausübenden Musiker. Bekannt wurden neben seinem größeren, heute verschollenen Vokalwerk IX Davids Psalmen (Kopenhagen 1607) auch drei erhaltene Tänze in dem Hamburger Sammelband Auserlesener Paduanen und Galliarden erster Theil […].

Mogens Pedersøn (ca. 1583 – Kopenhagen 1622/23) wurde wie Hans Nielsen und Melchior Borchgrevinck nach Venedig geschickt, um bei Giovanni Gabrieli zu studieren. Der gebürtige Däne vervollkommnete ab 1600 sein Handwerk bei Melchior Borchgrevinck. Als Abschluss seiner Fortbildung, die ihn in bezahlter Beurlaubung wiederum zu Gabrieli führte, gab er seine erste Madrigalsammlung heraus (Madrigali a cinque voci, Venedig 1608). Zusammen mit drei anderen Musikern wurde er 1611 nach England geschickt, wo er vermutlich in Königin Annes Diensten stand. Pedersøn kehrte 1614 nach Dänemark einen Monat später zurück als König Christian IV., der drei Musiker von dort mit an den Hof zurückbrachte. Vermutlich während seines Englandaufenthaltes entstand die zweite fünfstimmige Sammlung von 10 Madrigalen mit italienischem Text. Aller Wahrscheinlichkeit lag sie aber nur in Manuskriptform vor. 1616 erhielt er zwei Lehrlinge in seiner Hofkapelle, die bei ihm wohnten und verpflegt wurden. Darüber hinaus übergab man ihm die Verantwortung für sechs auszubildende Knaben und für die Musikaliensammlung der Kantorei.

Eine der Kapellen im Umfeld des Doms von Roskilde ist Christian IV. gewidmet ().

Eine der Kapellen im Umfeld des imposanten Doms von Roskilde ist Christian IV. gewidmet (Nico / Nils Jepsen, 10.11.2004, GNU Free Doc. Lic.).

1620 gab Pedersøn auf Geheiß Christian IV., seines persönlichen Musikschülers, das Pratum spirituale, det er Messer, Psalmer, Motetter, som brugelige er udi Danmark og Norge, komponeret med 5 stemmer af Kongens Vicekapelmester Mogens Pedersøn heraus, das 31 Bearbeitungen gregorianischer Melodien und lutherischer Choräle beinhaltete. Die anderen Stücke erklären sich wohl aus seinem Englandaufenthalt; drei lateinische Motetten könnten aus der Venediger Zeit herrühren. Die Sammlung ist Kronprinz Christian gewidmet, den Pedersøn im musikalischen Fach unterrichtet hatte. Ein oder zwei Jahre, nachdem er 1621 ein Vikariat am Dom von Roskilde erhalten hatte, starb er. Zu Pedersøns Werk gehören auch Instrumentalkompositionen, doch liegen zwei unvollständige, ursprünglich fünfstimmige Pavanen für Gamben vor. Stilistisch stehen Pedersøns Werke Schütz‘ Motetten nahe, die klangvolle und gleichzeitig kontrapunktische Stimmführung ist auf den Einfluss der venezianischen Musik in der Vermittlung durch Giovanni Gabrieli zurückzuführen.

Die drei weniger bekannten Motetten, nämlich Ad te levavi, nach Psalm 122f., Deus Misereatur Nostri nach Psalm 66f. und Laudate Dominum nach Psalm 148 Mogens Pedersøns zeichnen sich durch ihren „musterhaften“ Charakter aus: Dass sie jeweils in einer eigenen der drei Haupttonarten Aeolisch, Jonisch und Dorisch stehen, zeigt vielleicht sogar, dass der Komponist seine Beherrschung der Eigenart der verschiedenen Tonalitäten beweisen wollte. Als Musterstücke können sie deshalb zu Recht bezeichnet werden, weil sie einmal klar strukturiert sind, dann häufige Wechsel der Satztechnik aufweisen ebenso wie dezidierte Kontrapunktik und wegen der häufigen – sich gleichwohl logisch ergebenden – Dissonanzen pointierte Harmonik, insgesamt eine „sichere Fähigkeit, die Grundstimmung des Textes oder der einzelnen Textzeilen musikalisch zu erlösen.“

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.