Zwei Komponistengenerationen im europäischen Maßstab

Kopenhagen: Frühes Zentrum musikalischer Professionalität

Erweiterung und Blüte des höfischen Musiklebens unter Christian IV.

Pedersøns 'Pratum spirituale' (1620, http://www.kb.dk/da/ nb/tema/fokus/prat.html, p.d.)

Pedersøns ‚Pratum spirituale‘ (1620, http://www.kb.dk/da/
nb/tema/fokus/prat.html, p.d.)

Wie ernst Christian IV. als Thronfolger die Modernisierung Bereicherung der höfischen und kirchlichen Musikpflege in Dänemark nahm, zeigt sein Auftrag an den Vizekapellmeister Pedersøn, Melodien aus den überall im Königreich gebräuchlichen Gesangbüchern Thomissøns und Jesperssøns in mehrstimmigen Kompositionen zu bearbeiten. Das Ergebnis lag schließlich 1620 mit dem Pratum spirituale vor. Die Sammlung folgt aber nur in Teilen gesamteuropäischer Tradition. So deckt sie etwa die Eigenart der dänischen Messepraxis im Zeitalter der späten Polyphonie auf, das Crucifixus im Credo, das Benedictus des Sanctus und das gesamte Agnus Dei wegzulassen.

Während der für die Künste fruchtbaren Regierungszeit Christians IV. gelang es neben Pedersøn nur noch dem um 1580 geborenen Organisten Thomas Schattenberg im gleichen Jahr 1620, eine größere gedruckte Zusammenstellung mehrstimmiger vokaler Kirchenmusik zu veröffentlichen. Seine Vertonung der Texte konzentriert sich ganz auf das innere religiöse Erleben des Einzelnen. Von dem aus Flensburg stammenden Komponisten ist bekannt, dass er sich zunächst 1601/02 in Hamburg zu Musikstudien aufhielt, bevor er 1604 von seiner Heimatstadt nach Kopenhagen reiste, um das wichtige Amt des Organisten an der St.-Nikolai-Kirche zu übernehmen. Für die dort ansässige Gemeinde hat Schattenberg vermutlich seine Motetten im Sinne einer Andachtsmusik geschaffen.

Um 1930 wurde die St.Nikolai-Kirche, an der 1604 Thomas Schattenberg seinen Dienst als Organist antrat, noch als Gotteshaus genutzt, heute befindet sich dort ein Zentrum für Zeitgenössische Kunst (Berit Wallenberg, 26.7.1930, p.d.).

Um 1930 wurde die St.Nikolai-Kirche, an der 1604 Thomas Schattenberg seinen Dienst als Organist antrat, noch als Gotteshaus genutzt, heute befindet sich dort ein Zentrum für Zeitgenössische Kunst (Berit Wallenberg, 26.7.1930, p.d.).

Schattenbergs Wirken ist nur durch die 1620 in Kopenhagen erschienene, aus 39 vierstimmigen Motetten bestehende Sammlung Jubilus S Bernhardi de nomine Jesu Christi Salvatoris nostri dokumentiert sowie durch vierstimmige Cantiones Sacrae und den Flores Amoris (Kopenhagen 1622), einer Kollektion aus 24 dreistimmigen Madrigalen, die zum Teil auf Texte aus dem Ambraser Liederbuch zurückgehen. Von ihnen ist nur noch die Bassstimme erhalten. Seine Werke weisen Thomas Schattenberg als zwar nicht bedeutenden Komponisten, doch, wie Nils Schiørring ihn charakterisierte, als ordentlichen Musiker und „Beherrscher des Stiles der Zeit“ aus.

Zunächst als Sängerknabe ausgebildet reiste Hans Nielsen (ca. 1580 –  nach 1626) 1599 auf Geheiss König Christians IV., in dessen Diensten er stand, mit Melchior Borchgrevinck und anderen Mitgliedern der Kapelle nach Venedig, um dort von Giovanni Gabrieli am Markusdom unterrichtet zu werden. Seine Entsendung ist vermutlich auf eine Empfehlung des Hofkapellmeisters Gregorius Trehou zurückzuführen. Im Vergleich mit den ebenfalls von Gabrieli unterrichteten Komponisten, nämlich Mogens Pedersøn, vor allem aber mit dem „avantgardistisch“ schreibenden Heinrich Schütz, schneidet seine musikalische Verarbeitung des Materials eher konservativ ab. Dies erhärtet sich etwa durch die Beobachtung, dass Nielsen für dissonante Durchgänge in Frage kommende Textstellen in der Regel, d.h. abgesehen von seinem II. Madrigal Ite, amari sospiri, motivisch gar nicht nutzt. Im Übrigen ist seine weltliche Sammlung weit weniger madrigalisch ausgeführt als etwa Pedersøns Madrigale.

1600 kehrte Nielsen nach Kopenhagen zurück, wurde nach 2 Lehrjahren bei Melchior Borchgrevinck aber wiederum nach Venedig geschickt, diesmal in Begleitung von Niels Mortensen Kolding. In Kopenhagen wirkte er in Folge als Lautenist am Hof, wohl in Vertretung für John Dowland, der sich zu dieser Zeit in England aufhielt. 1606 erschien seine erste, dem König gewidmete Ausgabe mit 21 fünfstimmigen Madrigalen, Il primo libro de madrigali cinque voci. Die Studienzeit war damit nicht beendet: Von 1606 bis 1608 wurde er von dem Lautenisten Gregorio Huet am Wolfenbütteler Hof unterrichtet. Drei weitere Kopenhagener Jahre endeten für ihn unerfreulich, da er im Zuge der Verkleinerung der Hofkapelle seine Position verlor. Er schrieb sich kurze Zeit später an der Universität Heidelberg ein, verschuldete sich dort aber offenbar. Nach Mogens Pedersøns Tod wirkte er ab 1623 als Vizekapellmeister in Kopenhagen weiter.

Der Grabstein für Giovanni Gabrieli, der etliche skandinavische Komponisten in Venedig ausbildete, befindet sich in der Kirche Santo Stefano (1612, Foto: Giovanni Dall'Orto, 12.8.2007, p.d.).

Der Grabstein für Giovanni Gabrieli, der etliche skandinavische Komponisten in Venedig ausbildete, befindet sich in der Kirche Santo Stefano (1612, Foto: Giovanni Dall’Orto, 12.8.2007, p.d.).

Hans Brachrogge (zw. 1590-95 – 1638 o.s.), der als Komponist und Sänger tätig war, wurde mit Nielsen und anderen jungen Musikern vom König auf die erwähnte, in ihrer Bedeutung für die Entwicklung der dänischen Musik nicht zu unterschätzende Studienreise zu Giovanni Gabrieli nach Venedig geschickt. Nach seiner Rückkehr unterrichtete ihn ab 1604 Melchior Borchgrevinck, bis er 1611 eine Stellung als Sänger am Hof bekam. Bei Anne, der Schwester des Königs, hielt er sich nach weiterer Entsendung im Jahr 1614 zusammen mit Mogens Pedersøn, Jacob Ørn und Martinus Otto in England auf. Für 1619 ist ein wiederholter Besuch Italiens überliefert, 1621 nahm er eine Vertretung am Dom von Roskilde an. In den Rechnungsbüchern des Hofes wird er bis 1638 als Sänger de Hofkapelle geführt. Brachrogge ist wohl identisch mit Hans Borkratz, der ab 1606 für kurze Zeit durch John Dowland im Lautenspiel unterrichtet wurde. Sein einziges überliefertes Werk besteht in einer Sammlung von 21 dreistimmigen Madrigaletten, von denen zwei aus der Feder von Mogens Pedersøn stammen. Es handelt sich dabei um kleine, sehr gesangliche Canzonetten, die sich mit Sicherheit aus der sängerischen Praxis des Musikers herleiten lassen.

Gabriel Voigtländer (1596 – 1643) diente zunächst als Trompeter im Heer Wallensteins und wurde erst 1626 als ausübender ziviler und Militärmusiker Bürger von Lübeck. Nachdem er bis 1633 Prinz Christian von Dänemark in Nykøbing und Kopenhagen gedient hatte, taucht er im Mai diesen Jahres als Trompeter bei der Hochzeit der Schwester Graf Friedrich III. von Schleswig-Holstein in Gottorf auf, in dessen Dienste er daraufhin trat. Möglicherweise wurde er dort auch als Sänger und Dichter engagiert. Von 1636 an bis zu seinem Tod 1643 wirkte er wiederum als Trompeter, komponierender Musiker und Textdichter in Nykøbing auf Falster, wo eine größere Anzahl von Musikern von Christian IV. angestellt worden war. Voigtländer veröffentlichte 1642 in Sorø eine bedeutende Sammlung mit dem Titel Erster Theil Allerhand Oden und Lieder. Von einer Ausnahme abgesehen schrieb er den Text selbst zu Stücken von Komponisten wie Johann Nauwach, Orazio Vecchi und John Dowland. Voigtländers Liederbuch war in seiner Zeit wohl sehr populär; davon zeugt auch Andreas Hammerschmidts Übernahme eines seiner Liedtexte in eine zweite Edition von Oden (1643). Außerdem wurden seine Melodien und Texte von Johann Rist, Adam Krieger, Christian Clodius, Christian Friedrich Nicolai und schließlich sogar von den romantischen Dichtern Arnim und Brentano (Des Knaben Wunderhorn 1805-08) genutzt. Voigtländer schrieb unter Anderem auch ein Widmungsgedicht für Nicolaus Bleyers Ersten Theil Neuer Pavanen (1642).

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.