Töne aus den Staaten: Illinois, Arizona, New York

Time Pieces – jazzgetränkte Kammerstücke

In Chicago und damit in einer der größten polnischen Gemeinden der USA aufgewachsen debütierte der Pianist Robert Muczynski (1929 – 2010) mit Ende 20, aber mit eigenem Programm in der New Yorker Carnegie Hall. Seine Klavier- und Kammermusik gehört heute zum international etablierten Repertoire. Da seine Lehrer nicht durchgehend zum Kreis der bekannteren emigrierten polnischen Musiker gehörten und er selbst auch nicht in Polen enkulturiert war, lassen sich direkte Bezüge zur Herkunft seiner Vorfahren in den Werken nicht nachweisen, vielmehr ging er als Komponist eigene Wege, die ähnlich wie im Falle Leopold Godowskys durch unspektakuläre Harmonik und die Wahl traditioneller Formen, allerdings auch von einem gewissen Hang zur Abstraktion und Absolutsetzung des Instrumentalen, hierin eher an Bach und Chopin anknüpfend, bestimmt waren.

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Stimmenauszug des Flötenparts aus Robert Muczynskis Sonate Nr. 1 für Flöte und Klavier (1965; 3167256_01; p.d.)

Stimmenauszug des Flötenparts aus Robert Muczynskis Sonate Nr. 1 für Flöte und Klavier (1965; 3167256_01;www.freescores.com; p.d.)

Muczynskis, einem nahestehenden Dokumentarfilmer gewidmete Sonata To Harry Atwood for Flute and Piano, op. 14 (1965) ist dreisätzig mit langer, auf a-Moll endender Schlusskadenz angelegt und wecken einen hochindividuellen, teils impressionistisch gefärbten, teils polyphon-komplexen Höreindruck, überdies durchsetzt mit Floskeln aus und Harmonien aus dem (nicht nur)amerikanischen Jazz. Die Flötenstimme weist hier eine insgesamt rhythmisch wenig variative Gestaltung auf und wird als formales Hauptcharakteristikum – an Muczynskis Kammermusik häufiger zu beobachten – durch die auftaktische Achtelpause, die auch am Taktschluss vorkommt, getragen. Durch die gelegentliche Oktavparallelführung schiebt sich der Klavierpart an manchen Stellen dynamisch in den Vordergrund. Im Klavierpart des ersten Satzes wirkt die Begleitung in Bezug auf die Flötenmelodik „zerhackt“, aber rhythmisch prägnant durch die pointierte repetitiv ausgerichtete Akkordik in teilweise wiegender Bewegung – wie im Jazz charakteristisch – gestaltet. Beinahe das gleiche gilt, was die pianistische Gestaltung betrifft, für den 2. Satz, ein Scherzo, wobei andere plakativer vermittelte pianistische Eigenheiten wie Skalenpassagen hinzutreten.

Zu Beginn des Andante hat die Flöte eine längere Solopassage, die dynamische Gestaltung weist eine größere Differenzierung als in den vorhergehenden Sätzen auf. Insgesamt eingängiger erscheint das abschließende „Allegro con moto“ (4. Satz) mit glockenartigen repetierten Akkorden in der Klavierstimme gegen Schluss, wobei der Flöte anschließend eine lange Solokadenz zukommt, die die Melodie des Satzes wieder aufgreift. Die Tonart des Fantasy Trio for Harry Atwood for Clarinet, Violoncello and Piano op. 26 (1971) ist vage. Die Fantasie beginnt vorzeichenlos, es folgt aber eine rasche Modulation in As-Dur.

Der 1. Satz „allegro energico“ überschrieben, endet auf F-Dur mit alterierter Dominante (cis statt c). Der häufige enharmonische Wechsel von cis zu des kennzeichnet den Verlauf. Die Melodie bewegt sich nur chromatisch in mikrointervallischem Raum ohne große Sprünge, bestimmt durch  imitative, quasi-kanonischen Abtausch zwischen Cello-, Flöten- und Klavierpart. Ein markantes, in sich isoryhthmisches Motiv wird eingeführt und gerät vor der Kadenz in schnellere Bewegung. Gegen Schluss wird das Motiv stakkatoartig pointiert. Der 2. Satz im Tempo „Andante con espressione“ beruht auf unbetont-betonten Repetitionen des kleinen f im Klavierpart mit eingeschobenem Adagio-Teil gegen Schluss, das rhythmische Motiv des 1. Satzes wird nur variiert, die rhythmisch-metrische Grundgestalt bliebt erhalten. Teilweise wird die Akkordik im Klavierteil markanter und endet auf Sekundreibung von as mit hinzutretendem g in Klarinette und Cello. Die Angabe „Allegro deciso“ verweist den folgenden 3. Satz auf seine historische Rolle:  Ein einfacher strukturiertes Motiv – rhythmisch tänzerischer und markanter – als in Satz 1 wird eingeführt. Dem korrespondiert die häufige Unisono-Stimmführung im Klavier, teilweise liegt im Bassbereich nur Oktavverdopplung vor. Eine Beruhigung tritt mittels einer 1/8-1/4-1/2-Bewegung vor der Schlusskadenz ein, der Schluss wird zugespitzt durch eine aufsteigende Passage in der Klarinettenstimme.

Sergio e Zeynep spielt Klavierwerke von Robert Muczynski (vimeo 607326468, p.d.).

Sergio e Zeynep spielt Klavierwerke von Robert Muczynski (https://vimeo.com/195181363, p.d.).

Die langsame Introduktion vor dem Andante-Finale ist durch Allegro-Abschnitte belebt. Eine rollende Auf- und Abbewegung im Klavierpart („leggero“) wird am Schluss des Mittelteils durch raschere Bewegung mit Kopplung durch Klarinette und Cello abgelöst. Das rhythmische Schema vom Anfang des 1. Satzes wird nun in nicht identischer Form imitiert, Das rhythmisch-melodische Motiv des 4. Satzes konzentriert sich auf 1/4+1/8 und 1/4+1/4-Einheiten in schnellem Interimstaktwechsel, eine stark chromatisierte, schnelle parallel geführte  Bewegung in Sechzehnteln schließt in der Klavierstimme an. Indifferent zu Dur oder Moll endet der Satz auf dem Zweiklang g-h.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.