Aus dem griechischen 17. Jahrhundert

Im Dunkel der Geschichte?

Als bedeutender byzantinischer Musiktheoretiker des 15. Jahrhunderts galt Manuel Chrysaphes, der als Kantor an der Hagia Sophia fungierte, auf heutigem serbischem Boden und auf Kreta lebte. Auch als Komponist leistete er Bedeutendes, doch erwarb sich im kommenden Säkulum Frangiskos Leontaridis die eigentlichen Lorbeeren eines parallel zur hochpolyphonen westlichen Renaissancemusik entstehenden nachbyzantinischen Stils im (noch lange) ottomanisch dominierten Griechenland. Fast völlig im Dunkeln tappen Musikforscher unter den Vorzeichen der römischen westlichen Kirche schließlich, was das „griechische“ 17. Jahrhundert betrifft.

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Wandgemälde aus dem Vatopedi-Kloster, in dem Damianos den späteren Kirchenmusikexperten Petros Bereketis unterrichtete (Hans Schneider, 1987, GNU Free Doc. Lic.)

Wandgemälde aus dem Vatopedi-Kloster, in dem Damianos den späteren Kirchenmusikexperten Petros Bereketis unterrichtete (Hans Schneider, 1987, GNU Free Doc. Lic.)

„Wiedergeboren“ wurde, wenn man so will, der genannte Meister des 15. Jahrhunderts schließlich in Panagiotes. Er soll von 1655 bis 1682 als Erster Sänger und Kantor an der Ökumenischen Patriarchatskirche von Konstantinopel gewirkt haben und wie sein Amtsvorgänger Theophanes Karykes den byzantinischen Psalmengesang auf neue Weise wiederbelebt haben. In dieser Zeit hatte sich übrigens, berücksichtigt man die schriftliche Überlieferung der Gesänge, die neuere kukuzelische Notation gegenüber der alten mittelbyzantinischen, die seit dem 12. Jahrhundert gepflegt worden war, längst durchgesetzt.

Beginn des "ersten Echos", einer Psalmmelodie aus dem 17. Jahrhundert, die Panagiotes, der "Neue Chrysaphes",um die Mitte des 17. Jahrhunderts  notiert haben soll; sie erinnert aus der Ferne an die farbige Mensuralnotation der westlichen Kirche (London British Library Ms. Harley 5544 fol. 13r, US p.d.).

Beginn des „ersten Echos“, einer Psalmmelodie aus dem 17. Jahrhundert, die Panagiotes, der „Neue Chrysaphes“,um die Mitte des 17. Jahrhunderts notiert haben soll; sie erinnert aus der Ferne an die farbige Mensuralnotation der westlichen Kirche (London British Library Ms. Harley 5544 fol. 13r, US p.d.).

Bei Panagiotes‘ Hauptwerk handelt es sich zunächst um eine Rekonstruktion auf der Basis der Beschreibungen von Manuel Chrysaphes, und zwar des so genannten im Mittelalter kursierenden Sticherarion, einem Morgen- und Abendhymnus nach traditionell byzantinischem Muster. Ebenso holte der Experte das Anastasimatarion, eine ursprünglich einfach gestrickte Psalmodie des in den acht Kirchentönen der orthodoxen Überlieferung abgefassten Hymnenzyklus‘ Oktoechos, „acht Echos“ im Sinne von Melodien, aus der „Versenkung“. Damit wird deutlich, warum man Panagiotes als  den „Neuen Chrysaphes“ feierte. Auf ihn geht auch die Papadiké, eine Einführung in die Gesangskunst der Psalter zurück. Gerade für das 17. Jahrhundert ist der Einfluss auf die osmanische Musik der Zeit festzustellen.

Schema der acht Melodien des 'Oktoechos', hier in einer viel späteren Darstellung von 1832 (Chrysanthos, Triest, Michele Weis, 6.9.2012, p.d.)

Schema der acht Melodien des ‚Oktoechos‘, hier in einer viel späteren Darstellung von 1832 (Chrysanthos, Θεωρητικὸν μεγὰ τῆς Μουσικῆς, Triest, Michele Weis, 6.9.2012, p.d.)

Schon an der Schwelle zum 18. Jahrhundert stand nach dem Priester Balasios und Bischof Germanos von Néa Pátra als Vermittler griechisch-orthodoxer Kirchenmusik Petros Bereketis, der von dem Mönch Damianos im Vatopedikloster in der kirchenmusikalischen Komposition unterwiesen worden war. Für jegliche Festanlässe des Orthodoxen Kirchenjahrs schrieb er eine wahre „Litanei“ an Hymnen. Als Dozent für byzantinische geistliche Musik gab er sein Wissen auf dem Heiligen Berg Athos in Konstantinopel weiter.

Der Heilige Berg Athos von der Seeseite gesehen - in byzantinischer Zeit auch ein Leuchtturm der orthodoxen Kirche (Witold Rawicz, GNU Free Doc. Lic., CC-Liz.)

Der Heilige Berg Athos von der Seeseite gesehen – in byzantinischer Zeit auch ein Leuchtturm der orthodoxen Kirche (Witold Rawicz, GNU Free Doc. Lic., CC-Liz.)

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.