Ein wiederkehrender Diskurs in der abendländischen Musik

Figurationen des Fremden

Man braucht gar nicht von der Faszination des Exotischen in der Begegnung mit ganz anderen Kulturen, wie sie in einem eher plakativen Sinn The Indian Queen und die Ballettoper Les Indes Galantes vorführen, auszugehen. Bereits in der Substanz der melodischen Sequenz, etwa in der Aufeinanderfolge mehrerer Halbtonschritte in eine Richtung, liegt eine „Verfremdung“ vor. Ebenso gilt dies natürlich in der Palestrina-Zeit für die unvermittelte Einführung „verbotener“ Intervalle wie der übermäßigen Quart oder in der Übertretung von Stimmführungsregeln wie Quint- und Oktavparallelen, was mindestens eine Irritation beim normgewohnten Hörer hervorrief.

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Im frühen 18. Jahrhundert lehnten sich die Imaginationen des Fremden dicht an das Eigene, Gewohnte an: Kostümentwurf von Jean-Baptiste Martin, der eine indische Frau darstellen soll, zu Jean-Philippe Rameaus Oper 'Les indes galantes' (1735; US p.d.).

Im frühen 18. Jahrhundert lehnten sich die Imaginationen des Fremden dicht an das Eigene, Gewohnte an: Kostümentwurf von Jean-Baptiste Martin, der eine nach europäischen Maßstäben gesellschaftsfähige indianische Frau darstellen soll, zu Jean-Philippe Rameaus Oper ‚Les indes galantes‘ (1735; US p.d.).

Die beinahe unabhängig verlaufende Entwicklung der Modi in der römischen und der byzantinischen Kirche verhinderte durch die rituelle Manifestation der Liturgie in der Messe eine Amalgamierung mit fremden Elementen. Allerdings weist schon die mittelalterliche Faktur des Choralsatzes unter mozarabischem Einfluss in Spanien und Portugal die Aufnahme andersartiger melismatischer Melodiefloskeln auf, in denen – in der Praxis – chromatische Stimmführung bereits realisiert wird.

Den jähen Einfall des Numinosen in die irdische Sphäre von Menschen und Heroen kannte die antike Bühne dank vorhandener mythologischer Stoffe selbstredend, in etlichen musiktheatralischen Variationen am Hof Ludwig XIV. spielt die „Störung von oben“ durch den deus bzw. die dea ex machina, der Einmischung religiöser oder mythischer Figuren in die menschliche Lebenswelt eine wichtige Rolle, nicht zuletzt zum Zweck der Ablenkung und Unterhaltung. Entsprechend unterschiedlich (begleitet) verhalten sich die Stimmcharaktere, wenn zum Beispiel Cadmus und Pallas Athene aufeinandertreffen.

In der aus heutiger Perspektive eher heiteren Tragédie en musique 'Cadmus et Hermione' (1674) treffen göttliche und menschliche Sphäre klanglich aufeinander wie in anderen musiktheatralischen Gestaltungen die Heere der Perser und Griechen (Titelseite der Partitur 1719; p.d.).

In der aus heutiger Perspektive eher heiteren Tragédie en musique ‚Cadmus et Hermione‘ (1674) treffen göttliche und menschliche Sphäre klanglich aufeinander wie in anderen musiktheatralischen Gestaltungen die Heere der Perser und Griechen (Titelseite der Partitur 1719; p.d.).

Mit Blitz und Donner tritt Zeus in Erscheinung, ebenso tun dies die Heere der Perser und Janitscharen in anderen Opern wenigstens bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Häufig handelt es sich tatsächlich nur um Säbelrasseln, denn anders als des Öfteren in der Wirklichkeit bedeutet der Einbruch des Fremden auf dem Gebiet der Künste eher eine Bereicherung denn eine unwillkommene Konfrontation. Selbst das namhafte Rondo alla turca, das mit Ironie die Türkei-Mode (parallel zur  chinesischen) um 1750 herum bedenkt, spielt ja in einem von einer realpolitischen Situation unabhängigen Sinn mit exotistischen Versatzstücken. Und gerade in der Entführung aus dem Serail ergibt sich bei aller Martialität des sultanischen Gebarens eine fruchtbare Interferenz zwischen den Kulturen.

Wo hingegen das Fremde ausgeschlossen präsentiert wird – wie es in der neueren bundesrepublikanischen Erinnerungsliteratur an der siebenbürgischen Enklave der Rumäniendeutschen vorgeführt wird – geht die Ironie und damit auch die relativierende Kraft des Humors schnell verloren. Auch die düster-tragische Umsetzung epischer Literatur im Ring des Nibelungen hängt mit einer weitgehenden Exklusion des Fremden zusammen. Und es ist kein Zufall, dass im Zuge der nationalstaatlichen Regression nach innen im 19. Jahrhundert gerade die Unvereinbarkeit räumlich getrennter Weltkulturen bis zur existenziellen Bedrohung durch das Fremde manifestiert werden – sei es in Turandot , im Land des Lächelns oder noch in Madama Butterfly. Der spielerische Umgang mit andersartigen, teils auch religiös bzw. kultisch zu verortenden Verhaltensweisen und Praktiken tritt hier völlig zurück.

Über mehviele Jahre hinweg beschäftigte sich der dänische Komponist Per Norgard intensiv mit fernöstlicher Musik; eines der Resultate war seine dritte Oper 'Siddharta', hier in einer Aufnahme mit dem Dänischen Nationalen Sinfonieorchester (0730099973120, Marco Polo 1995).

Über mehviele Jahre hinweg beschäftigte sich der dänische Komponist Per Nørgård intensiv mit fernöstlicher Musik; eines der Resultate war seine dritte Oper ‚Siddharta‘, hier in einer Aufnahme mit dem Dänischen Nationalen Sinfonieorchester (0730099973120, Marco Polo 1995).

Erst durch die Erfahrung der beiden Weltkriege, so scheint es, fand eine erneute, nunmehr „interkulturelle“ Annäherung zwischen fremden Sphären statt; zu erinnern wäre hier an die West Side Story, die anders als die musikalischen Realisationen von Romeo et Juliette im 19. Jahrhundert mit einem Happy End (zwischen den Protagonisten US-amerikanischer bzw. puertoricanischer Herkunft) aufwartet. Die Öffnung gegenüber dem Fernöstlichen führte vor erst wenigen Dezennien zu europäischen Antworten in der Kunstmusik, die ernstgemeinte wie tiefgehende Adaptationsversuche zeitigten: Zu denken wäre hier neben vielem anderen auch die dänische Oper Siddharta aus den Jahren 1974 bis 1979. Der Paradigmenwechsel zu einer Öffnung gegenüber fremden Kulturen reicht allerdings um einiges weiter zurück und lässt sich schon an der neugierigen, weitestgehend vorurteilsfreien und experimentell-offenen Umgangsweise Claude Debussys mit der javanischen Gamelan-Musik studieren. Heute gehört das Spiel mit fern(östlich)en Tonleitersystemen und Notationsweisen bereits zum Handwerkszeug des Komponisten westlicher Prägung.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.