Interview mit Justin Furstenfeld (Blue October)

„Das Glück als langweilig zu erachten, empfinde ich als künstlerisches Armutszeugnis“

Blue October (Nicola Gell)

Blue October (Nicola Gell)

amusio: „Den Facebook-Kommentaren zu urteilen, vermissen einige Fans die depressiven Stellen. Wie ergeht es dir, wenn du heute die älteren Sachen performst? Erlebst du dann emotionale Flashbacks – oder entsteht die Authentizität allein aufgrund der Tatsache, dass du den einen oder anderen Song aus unerfreulichen Zeiten gerade singst?“

Justin Furstenfeld: „Alle Songs, die ich je geschrieben habe, haben ihren Platz in meinem Leben. Ich erinnere mich sehr genau, wo sie alle herkommen. Ich kann und will keine künstliche Distanz zu ihnen aufbauen. Also machen sie mich immer wieder betroffen und reißen mich mit.“

amusio: „Ein Literat hat einmal behauptet, dass das Glück in künstlerischer Hinsicht vollkommen uninteressant sei und als Stoff nichts tauge. Was hältst du von dieser Auffassung?“

Justin Furstenfeld: „Wer das gesagt hat, ist ein öder Faulpelz. Weißt du, was ich ihm zurufe? Du machst es dir viel zu einfach. Du sitzt in deiner eigenen Scheiße und schreibst darüber. Das ist keine große Kunst. Im Gegenteil. Insbesondere das Glück erfordert ein hohes Maß an kreativer Sensibilität, wenn man sich ihm als Künstler widmen möchte. Und es zum Ausdruck bringen, ihm gerecht werden will, ohne nur Bubblegum zu kauen oder schlicht cheesy zu werden. Das Glück ist grandios! Es steckt voller Energie, voller Kraft, Leidenschaft und Freude. Das Glück als langweilig zu erachten, empfinde ich als künstlerisches Armutszeugnis.“

Justin Furstenfeld (facebook.com/profile.php?id=100012325627631)

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amusio: „Auch du könntest zumindest weiterhin so tun, als ob es dir schlecht ginge, um gewisse Erwartungen nicht zu enttäuschen…“

Justin Furstenfeld: „Seitdem ich kapiert habe, das auch ich das Talent zum Glücklichsein besitze, ist meine Arbeit besser und vor allem vielfältiger geworden. Ich verharre nicht mehr im einseitigen Lamento und klage vor lauter Selbstmitleid alles an. Das war früher für mich wichtig und richtig. Aber heute fühle mich durch meinen Zustand dazu ermutigt, ein guter Mensch und ein noch besserer Musiker zu sein. Und das kann ich nur, wenn ich das Leben mit all seinen Facetten einbeziehe und reflektiere. Du musst deine Zähne ins Glück schlagen, um zu wissen, wie es schmeckt. Oder denke mal an deinen ersten Kuss. Mann, was warst du nervös, was?! Aber dann, na?! Also sage ich: Hoch mit dem Arsch, und lebe nach Möglichkeit glücklich, freudvoll und frei.“

amusio: „Aber ist da nicht auch die Angst, das Glück wieder zu verlieren? Oder wie du das in deinem Song Time Changes Everything beschreibst: ‘Be careful what you wait for‘ …“

Justin Furstenfeld: „Da hast du die entsprechende Zeile ausgewählt. Zwischen Glückserwartungen und ihrer Erfüllung verlaufen Grenzen. Sie sind Teil des Ganzen. Es läuft natürlich nicht immer nach Wunsch, doch wenn es so wäre: Könnte man das Glück dann überhaupt noch empfinden? Das Leben birgt Enttäuschungen, Schicksalsschläge. Herzen brechen, man verlässt einander, irgendwann zwangsläufig auch für immer. Darum ist es wichtig, sich ein Fundament zu erschaffen, das einen in Krisenzeiten davor bewahrt, seine ganze Persönlichkeit infrage zu stellen. Das kann deine Familie sein. Oder dein Glaube, und sei es auch nur der an dich selbst.“

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