Leuchtfeuer für die Musen

Vor dem Frühling – auf den Shetlands

Bevor die Fiddle im späteren Frühjahr wieder den Auftakt zum Shetland Folk Festival gibt, werden nach langer regen- und sturmgepeitschter Winterzeit auf dem Schottland wie auch Norwegen vorgelagerten und gleichzeitig „abseitigen“ Atoll andere Stile lebendig. Unter den jüngeren Musikern scheint es deutlich mehr Nachwuchs an Rockbands zu geben als dass hier professionelle Kräfte auf den Gebieten des Dirigierens und des Komponierens anzutreffen wären. Dagegen erlebte die uralte Folk-Szene in den 1950er Jahren einen bemerkenswerten Wiederaufschwung, nachdem sich die Formation „Forty Fiddlers“ dort begründet hatte – und die weniger tief verwurzelte Country-Szene durch den 1978 verstorbenen Thomas Fraser.

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Die Leuchttürme von den Shetlands (hier: Bressay) und den Orkneys waren für Peter Maxwell Davies (1934 - 2016) mehr als nur eine Inspiration (Philipp Capper from New Zealand, 5.6.2005).

Die Leuchttürme von den Shetlands (hier: Bressay) und den Orkneys waren für Peter Maxwell Davies (1934 – 2016) mehr als nur eine Inspiration (Philipp Capper from New Zealand, 5.6.2005, CC-Liz.).

Vermutlich dominierten auf der Inselgruppe bis zum Eintreffen der Wikinger Sprache und Kultur der Pikten, die wahrscheinlich keltischen Ursprungs waren. Als das Altnordische mit seiner Dialektvariante des Norn in „Hjaltland“ Einzug hielt, begann es die piktische Sprache an den Rand zu drängen. Bis zum Jahr 1469 herrschte die norwegisch-dänische Krone auf den Shetlands vor, dann fiel das früher selbstständige Land als Sicherheit für eine Mitgift an Schottland, da der dort residierende Thronfolger die dänische Prinzessin Margarethe I. heiratete. Möglicherweise lag es aber nicht an der Abgelegenheit zwischen den britischen Inseln und dem norwegischen Festland, sondern an der genuin ländlichen und nicht städtischen Musiziertradition, dass weder die Kunstmusik Schottlands einschließlich der romantischen Schottland-„Projektionen“ von Gade und Mendelssohn so recht Fuß fassen konnte noch die erstmals im 19. Jahrhundert bedeutende Norwegens.

Die uralte Tradition der Fiddler findet in dieser gelobten Aufnahme mit Aly Bain und Tom Anderson ihr Echo (B00000590Z, Label Extraplatte).

Die uralte Tradition der Fiddler findet in dieser gelobten Aufnahme mit Aly Bain und Tom Anderson ihr Echo (B00000590Z, Label Extraplatte).

Allerdings entwickelten Fiddler den Shetland-Folk zu so hoher Professionalität, dass der spezifische Inselstil selbst schon kunstmusikalischen Ansprüchen genügt, wofür etwa die Aufnahme The Silver Bow mit Aly Bain und Tom Anderson bürgt. Ein möglichst großes Repertoire decken darüber hinaus die Reihen Spencie’s Tunes mit wenigstens sechs und Bains Shetland Sessions mit mindestens zwei Alben ab. In jüngerer Zeit machte auch der Pianist und Orchesterleiter Neil Georgeson, der selbst auf den Shetlands geboren wurde, von sich reden. Er wirkt als Dirigent vor allem in London, tritt aber mit verschiedenen Orchestern und Programmen weltweit auf. Unter anderem war er mit Brittens War Requiem und Haydns Schöpfung sehr erfolgreich.

Peter Maxwell Davies dirigiert eines seiner Werke (University of Salford Press Office, 29.3.2012, CC-Liz.).

Peter Maxwell Davies dirigiert eines seiner Werke (University of Salford Press Office, 29.3.2012, CC-Liz.).

Dem faszinierenden Umstand, dass man in einem Panorama-Schwenk von der Orkney-Insel Sanday aus die Leuchtfeuer der Orkneys ebenso sehen kann wie im Osten und Nordosten diejenigen der Shetlands, schuldete schließlich der Dirigent Peter Maxwell Davies sein 5. Streichquartett Lighthouses of Orkney and Shetland. Der einstige Begründer der Londoner Pierrot Players, einem Kammerensemble, lebte selbst bis zu seinem Tod 2016 auf Sanday, wo er sich extensiv dem Komponieren widmete. In den Sätzen des Streichquartetts zirkuliert der in Töne verwandelte Blick auf die verschiedenen Leuchttürme, die einen Kreis um den Betrachter bilden. Besonders der Beginn des zweiten Satzes vermag laut Benjamin G. Cohrs im Sinn eines „Intermezzos“ die Lichteffekte dieses Panoramas zu transportieren. Im übrigen schrieb er mehrere Kompositionen, die sein Leben auf den Orkneys mit Blick auf die Shetlands illustrieren: schon 1985 erschien sein „Stimmungsbild“ für Orchester unter dem Titel An Orkney Wedding, with Sunrise.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.