Meilensteine: The Velvet Underground & Nico „Same“ (Banana-Album) – Teil 2

Das hier ist Fortsetzung meiner Lobhudelei auf das erste Velvet Underground-Album. Den ersten Teil findet ihr hier.

Den Rest der Platte habe ich mir dann in Ruhe zu Hause angehört. Mir schien es damals zu intim, meine Wertschätzung dieser Platte in aller Öffentlichkeit auszuleben, auch wenn diese Öffentlichkeit nur aus einem kleinen Plattenladen bestand.

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Nach dem freudigen Schock des Wiedererkennens war ich jedoch keineswegs beruhigt. Jeder, der es einmal gehört hat, weiß, dass das Banana-Album stilistisch ungeheuer breit gefächert ist. Rotzige Punkstücke treffen auf avantgardistische Drones, eine elektrische Viola streut metallische Klangsplitter, ätherische Balladen wechseln sich ab mit reinem Lärm. Dazu Lou Reeds arrogantes Genäsel und in einigen Stücken, eine weitere Überraschung, eindeutig teutonisch eingefärbter Frauengesang. Zu sagen, die Platte hätte mich verwirrt, wäre eine maßlose Untertreibung: Das Album hat mich fertig gemacht.

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Foto: Christian Siebje

Natürlich hatte ich keine originale LP aus den 60ern gekauft hatte, sondern eine MidPrice-Wiederveröffentlichung ohne Klappcover und ohne abziehbare Banane und ohne die Fotos auf der Rückseite. Die Infos waren verglichen mit dem Original also eher spärlich. Immerhin hatte ich einen weiteren Anhaltspunkt: Produziert hatte dieses Dingens/Meisterwerk Andy Warhol, stand ja groß vorne drauf. Mit dem Namen konnte ich was anfangen und ich begann in einschlägigen Buchhandlungen mein Wissen über Pop-Art zu vertiefen und stieß dabei auch auf immer mehr Infos über die Velvets.

Je tiefer ich in die Materie eintauchte (während das Album unermüdlich Runde um Runde auf meinem Plattenspieler drehte), desto mehr schienen die Velvets plötzlich in der Luft zu liegen. Freunde und Bekannte schwärmten auch für die Platte, jedenfalls einige, und was vorher mühsames Zusammengepuzzel von Infokrümeln war, wurde immer mehr zu einem fruchtbaren Austausch. Wir unterhielten uns über alles, den Kunstkontext, die aberwitzigen Sounds und vor allem über Lou Reeds geniale Texte. Sex und Drogen sind nun mal Themen, die pubertierende Jungs extrem spannend finden, auch wenn Lou’s Beschreibungen von Junkies und SadoMaso-Freaks in New York City Lichtjahre von unserer Wirklichkeit entfernt waren. Aber was war das für eine Welt, die die Musik da erschaffen hatte: Dunkel, schäbig und trotzdem so glamourös, so cool. Ein Mysterium aus Kunst, Leben und Schönheit. Das wollten wir auch, und mit der Platte kamen wir so dicht dran, wie es uns möglich war.

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Über Christian Siebje

Christian Siebje | Jahrgang 64, aufgewachsen in Hamburg. Lebt und arbeitet als Journalist, Texter, Blogger und Familienvater in Karlsruhe. Musik als Leidenschaft: Bach, Klassik, Electronica, Alternative, Reggae, Soul, Jazz, Pop, Punk & Avantgarde.