Meisterwerke der polnischen Musik XXXII

Ein Theaterorchester mit Langzeitwirkung

Die einst habsburgische Kulturmetropole Lwíw in der Westukraine blickt auf eine deutlich längere Periode, nämlich vom späten Mittelalter bis fast zum Ende des 18. Jahrhunderts, zurück, in der sie zum östlichen Teil des polnischen Gesamtstaats zählte. Seit 1792 und damit 20 Jahre nach der Usurpation durch das österreichische Herrscherhaus, verfügte die bis 1349 zum altrussischen Reich gehörende Vielvölkerstadt über ein eigenes Theaterorchester. Wohl kaum eine andere Stadt im europäischen Radius trafen hier die Ethnien aufeinander und konnten immerhin zu einer mehr oder weniger friedlichen Koexistenz finden: Die Bürgerschaft setzte sich in bunter Mischung aus Ukrainern, Armeniern, Polen, osteuropäischen Juden, Russen, Deutschsprachigen, Ungarn, Franzosen und Italienern zusammen. 

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Auch der Erfolg des späteren Opernhauses in Lwów / Lwíw fußt auf den Bemühungen Józef Elsners, Franz Xaver Mozarts und Karol Lipinskis um den Ausbau und die Konzerte des einstigen Theaterorchesters (Ferad Zyulkyarov,  10.2.2011, CC-Liz.).

Auch der Erfolg des späteren Opernhauses in Lwów / Lwíw fußt auf den Bemühungen Józef Elsners, Franz Xaver Mozarts und Karol Lipińskis um den Ausbau und die Konzerte des einstigen Theaterorchesters (Ferad Zyulkyarov, 10.2.2011, CC-Liz.).

Im Jahre 1796 kam es bereits zur Gründung einer Musikakademie. Anfang des 19. Jahrhunderts organisierte der Geiger Karol Lipiński in Lemberg symphonische Orchesterkonzerte und noch 1824 einen Streichquartettzyklus im Abonnementsystem. Die Stadt stellte kurz vor und noch lange nach der Wende zum 20. Jahrhundert so etwas wíe eine Drehscheibe des europäischen Konzertlebens dar: Ruggiero Leoncavallo, Gustav Mahler und Richard Strauss ließen sich hier (in aktiver Funktion) sehen, auch Komponisten wie Sergej Prokofjew, Dmitri Schostakowitsch, Eugen d’Albert und Béla Bartók traten neben Dirigenten wie Rafael Kubelik oder Interpreten wie Svjatoslav Richter und Emil Gilels in Erscheinung. Von 1993 an beherbergte Lwów als westukrainisches Kulturzentrum übrigens das namhafte Ensemble Klaster, das für seine Aufführungen modern(st)er Musik bekannt wurde.

Der namhafte polnische Komödiendichter Wojciech Bogusławski wurde über lange Jahre Weggefährte des Komponisten Józef Elsner, in Lwów ebenso wie später in Warschau (Rudolf Fleck, aus: August Sokołowski: "Dzieje porozbiorowe narodu polskiego ilustrowane", 1851, p.d.).

Der namhafte polnische Komödiendichter Wojciech Bogusławski wurde über lange Jahre Weggefährte des Komponisten Józef Elsner, in Lwów ebenso wie später in Warschau (Rudolf Fleck, aus: August Sokołowski: „Dzieje porozbiorowe narodu polskiego ilustrowane“, 1851, p.d.).

Eine bedeutende Rolle in der Blütezeit des damals deutschsprachigen Theaters spielte jedoch 1792 nach seiner Ankunft aus Brünn, wo er eine Stelle als Geiger versah, der schlesische Komponist Józef Antoni Francizek Elsner (1769 – 1854). Im Zeitalter der aristokratischen Kleinstaaterei firmierte Lemberg als Hauptstadt des Königreichs Galizien und Lodomerien unter habsburgischer Vorherrschaft. Elsner übernahm im Orchester die Stelle des zweiten Kapellmeisters, was durchaus einen weiteren Schritt in seiner Karriere bedeutete. An dem kaiserlich-königlichen Theater gelangten zwei seiner Opern Die seltenen Brüder und Der verkleidete Sultan zur Uraufführung. Der Komponist begann nun intensiv am polnischen Kulturleben zu partizipieren und sich eine andere musikalische Idiomatik anzueignen.

Hier begann sein äußerst fruchtbares und langdauerndes Zusammenwirken mit dem Dramatiker Wojciech Bogusławski. Dieser hatte nach der Niederschlagung des Kosciuszko-Aufstands Warschau verlassen und im Jahr 1795 die Leitung des Theaters in Lwów übernommen. Für seine nächsten Opern in der siebenjährigen Lemberger Zeit nutzte Elsner, der insonderheit großes Talent als Pädagoge und Organisator an den Tag legte, polnischsprachige Libretti. Hieraus ging etwa die erfolgreiche Oper Amazonki czyli Herminia („Die Amazonen oder Herminia“) nach einem Libretto von Wojciech Bogusławski hervor.

Die Büste in Grodków erinnert heute an den bedeutenden Musiktheaterdirektor und produktiven Komponisten Józef Elsner (1769 - 1854).

Die Büste in Grodków erinnert heute an den bedeutenden Musiktheaterdirektor und produktiven Komponisten Józef Elsner (1769 – 1854). (21.5.2017, MOs810, CC-Liz.).

Nicht unähnlich Georg Philipp Telemann hundert Jahre früher integrierte er in seine Instrumentalmusik vielfach Elemente aus der polnischen Folklore auf und widmete sich Themen der polnischen Geschichte. Seine sehr weitgehenden Adaptationen fundierte er theoretisch etwa in der Abhandlung In wie weit die polnische Sprache zur Musik geeignet sei. In Lwów gründete Elsner eine philharmonische Gesellschaft namens Akademia Musyczna, die vor allem zwischen 1795 und 1797 mit eigenem öffentlichem Konzertprogramm aufwartete. Doch diese Zeit bildete lediglich eine Stufe im Lebenslauf des ehrgeizigen Violinisten und Dirigenten: Von 1799 an bekleidete er die Stellung des musikalischen Direktors am Warschauer Staatstheater.

Auf der Basis der hier geschaffenen (früh)klassischen Tradition konnte der jüngste Sohn W.A. Mozarts, Franz Xaver, einen „Cäcilienverein“ zur Förderung des Musiklebens begründen, bevor noch der „polnische Teufelsgeiger“ Karol Lipiński für den Ausbau und die Neupositionierung des Theaterorchesters als einer wichtigen kulturellen Institution der Stadt sorgte.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.