Tongewaltiges Bruckner-„Mysterium“ zum Fest des Bonner Giganten

Jedenfalls sehr passend zum tapferen und mutigen Michel mit seinem „ins Land träumen“ haben die drei Harfen hier immer wieder wunderschöne Gelegenheiten, um ihre zarten Klängen durch den Raum „schweben“ zu lassen. Die Staatskapelle kostete diese feinen Stimmungen intensiv und mit wunderbarem Zusammenspiel aus.

Pathetische Ruhe im Adagio und furioses Finale

Leise beginnt das Adagio nach bereits über 35 Minuten – um als zentraler Satz in nochmals rund 30 Minuten die verschiedenen Themen weiterzuentwickeln. Ist vielleicht auch aus diesem Grund die „Jüngere Generation“ nicht sonderlich interessiert an einer Symphonie, über die in Wikipedia steht, dass sie „durchaus einen aufmerksamen und konzentrierten Zuhörer erfordert“? Oder ist der seinerzeit auch von Bruckner gefürchtete Kritiker Eduard Hanslick noch so bekannt? Er hatte nach der Uraufführung 1892 geätzt: „Alles fließt unübersichtlich, ordnungslos, gewaltsam in einer grausamen Länge zusammen“ – und schreibt dann noch von „traumverwirrtem Katzenjammer“, dem immerhin die Zukunft gehören könnte.

Vielleicht ist es aber auch die enorme Komplexität, mit der Bruckner im mitreissenden vierten Satz einige Stellen extrem vielgestaltig macht. Hier werden die Hauptthemen simultan übereinander geschichtet – um dies herauszuhören braucht’s sicherlich ein auf Erfahrungen aufbauendes „Fundament“. Doch auch wenn die „Machart“ nicht genau erkannt wird – von diesem ekstatischen Satz schwärmen auch Hörer, die nicht „theorie-überfrachtet“ sind…

Hoffentlich können bei den regulären Konzerten des Beethovenfestes dann auch viele jüngere Zuhörer alten Meistern beim Ringen mit großen Lebensfragen und intensiven Gefühlen zuhören, denn diese sind doch zeitlos aktuell, oder?

Nach dem Sonderkonzert pflichten aber vermutlich viele „alte Meister“ den Worten von Hugo Wolf zu: „Diese Symphonie ist die Schöpfung eines Giganten und überragt an geistiger Dimension, an Fruchtbarkeit und Größe alle anderen Symphonien des Meisters.“

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Über Matthias Berg

"Startphase" mit Praktikum bei der taz und Studium in Hamburg & Bonn (Geographie & Journalistik). Arbeitet freiberuflich in Kiel und kreuzt dabei leidenschaftlich gerne mit Cello oder Segelschiff über Musik- & Meereswellen.