Melodien und Rhythmen als Spielbälle ihrer Urheber

Beschleunigung – Verlängerung – Verfremdung

Im Laufe der Jahrhunderte haben Komponisten jegliche Methoden angewandt, um ihr Ausgangsmaterial, in der Regel eine melodische oder harmonische Idee, zu verwandeln. Einen ebenso extremen wie normalen Eingriff in die (natürlich nicht immer) eigene Ton- und Klangsequenz stellt das Verfahren der Differenzierung oder Variierung dar. Vermeidung von Eintönigkeit und damit der Langeweile für die Zuhörer sind hierfür zureichende Ursache. Melodien werden in ihrem Lauf verändert, gelegentlich plötzlich im Sinn eines aufrüttelnden Effekts, gängigerweise aus harmonischen Gründen. Im Kopfmotiv wird die melodische Textur gerne abgeändert, am Schluss einer wiederholten Periode findet man leichte Verschiebungen, die als Halb- oder Ganzschluss bekannt sind.

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Die dreifache isorhythmische Diminution (Verkleinerung der Notwenwerte) findet sich in John Aleyns Motette 'Sub Arturo plebs' aus dem 14. Jahrhundert (Future perfect in sunrise, 4.10.2008, CC-Liz.).

Die dreifache isorhythmische Diminution (Verkleinerung der Notwenwerte) findet sich in John Aleyns Motette ‚Sub Arturo plebs‘ aus dem 14. Jahrhundert (Future perfect in sunrise, 4.10.2008, CC-Liz.).

Weniger tief greifen andere Verfahren in die Verlaufsstruktur des Materials ein: Bei der Diminution, auch als Verkleinerung bezeichnet, werden die Intervalle verkleinert oder Tonlängen verkürzt, um den Eindruck der Beschleunigung hervorzurufen – beliebt besonders bei populären Tänzen wie dem Csárdás und der Tarantella oder deren kunstmusikalischen Bearbeitungen zur Belebung der Gangart wie zum Erweis der Bewegungsfertigkeit der Ausführenden. Hier wird der eigentlich simple Aspekt der Wiederholung (mit lediglich verändertem Tempo) und Wiedererkennung genutzt, wobei oft die Notenwerte um die Hälfte verkürzt werden.

Auf übergeordneter Ebene spiegelt sich eine solche Veränderung in der aus Renaissance und Barock überlieferten Satzfolge schnell – langsam – schnell oder auch langsam – schnell – langsam – schnell. Die Zerlegung von Gerüsttönen und Tonschritten in Verzierungen wird gleichermaßen als Diminution bezeichnet, hat aber mit der beschriebenen Verkleinerung der Notenwerte nichts zu tun.

Eine gängige Methode zur Variation oder Veränderung einer Melodie stellt die Einfügung von Noten aus dazwischenliegenden Intervallen dar, die den Effekt von Bewegung und Verflüssigung der vorgegebenen Melodie erzeugen (approach notes, Puckottini, 10.10.2013, CC-Liz.).

Eine gängige Methode zur Variation oder Veränderung einer Melodie stellt die Einfügung von Noten aus dazwischenliegenden Intervallen dar, die den Effekt von Bewegung und Verflüssigung der vorgegebenen Melodie erzeugen (approach notes, Puckottini, 10.10.2013, CC-Liz.).

Mit der Augmentation macht sich der Komponist die gegenteilige Möglichkeit der melodischen Streckung zunutze, rhythmisch, um Ruhe in den Satzverlauf einkehren zu lassen, gleichzeitig aber die Melodie in veränderter Weise dem Gehör einzuprägen. Als ebenso beliebtes wie plakatives Beispiel hierfür werden gerne die Anfangstakte der Exposition und dann der Reprise im 1. Satz von Brahms‘ 4. Symphonie e-Moll, op. 98, angeführt. Aus melodischer Perspektive geht es bei der „Vergrößerung“ um die Erweiterung oder Dehnung der Intervalle.

Andererseits beschäftigen sich Schöpfer „abstrakter“ Musik seit jeher gerne mit Verrätselung, Verbergung, Verstreuung oder Verzerrung ihres motivischen Tonmaterials. Im Lauf des 20. Jahrhunderts mit Tendenzen bis heute wurden solche Formen der Verarbeitung gängig. Durch radikale Variierung bis zur Kryptifizierung oder Zugrundelegung einer „unsichtbaren“ Grundmelodie, ohne diese erklingen zu lassen, lässt sich der hundertprozentige Verfremdungseffekt leicht erreichen. Man denke nur an Choralvariationen, in denen die Basismelodie zwar verwendet, aber in ihrer ursprünglichen Gestalt komplett unterschlagen wird, vielleicht bisweilen zum Amüsement des Komponisten, der den hörversierten FachkollegInnen damit eine besonders knifflige Rateaufgabe stellt …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.