Martin Küchen - Lieber Heiland, lass uns sterben

Horch, was kommt von draußen rein

Martin Küchen: "Lieber Heiland, lass uns sterben" (SOFA)

Martin Küchen: „Lieber Heiland, lass uns sterben“ (SOFA)

Während Albumtitel und Cover-Artwork entweder Apocalyptic Folk oder Martial Industrial vermuten lassen, genügt ein Blick aufs Label (SOFA), um vorab einsortieren zu können, was auf Lieber Heiland, lass uns sterben tatsächlich passieren mag. An einem lauen Frühsommerabend in der Krypta des vermutlich ältesten Sakralgebäudes im Land der drei Kronen, der Kathedrale zu Lund, eingespielt und aufgezeichnet, entführt der renommierte schwedische Saxophonist, Komponist und Improvisionist Martin Küchen auf eine Zeitreise, deren Dauer von rund 35 Minuten mit ihrem Ziel und Wesen gleichzusetzen ist.

Der Bezug zum Titel, einem verbrieften Flehruf vertriebener Ostpreußen, bleibt allenfalls vage. Und doch stellt sich die Frage, inwiefern die musikalischen Ereignisse jene Erfahrungen von Flucht und Erlösungsverlangen reflektieren, die dem Album thematisch eine a prima vista ungemein finstere Anmutung verpassen. Als sei er um eine Antwort gar verlegen, delegiert Martin Küchen sämtliche Bedeutungsebenen an die Kontemplation, die ihren Ausdruck im Schaben, Ächzen, Dröhnen, Säuseln und Brummen findet.

Während zwei Tracks – als Overdub – Kompositionen für drei, beziehungsweise sechs Saxophone entspringen, handelt es sich bei den restlichen drei Stücken um roh belassene Aufnahmen – mit entsprechend ausgeprägtem Sinn für den Moment und seiner ephemeren Magie. An Ereignisreichtum mangelt es also keinesfalls, umso erstaunlicher (und kaum erklärbar) wie rasch sich Lieber Heiland, lass uns sterben als semipermeabel zugänglich und somit auch als performativ erweist. Eine Wahrnehmung, die dafür spricht, dass Martin Küchen bei der Verrichtung seiner Tätigkeit stets auch den Hörer avisiert.

In diesem Sinne weisen insbesondere die Klang-Arabesken samt weiblichem Tenor von irgendwoher (wohl von gegenüber, wo während der Session Studentenorchester probten) bei Purcell In The Eternal Deir Yassin den Ausführenden als versierten Verführer aus. Ohne jedoch das – vermeintlich – Narrative überzustrapazieren. Kurzum: Eine hochgradig evokative Angelegenheit, die sich laut Küchen nicht zuletzt eben auch Purcell, Busoni und Bach verdankt. Meisterhaft aufgenommen, gemischt (Jakob Riis) und gemastert (Miguel Angel Tolosa).

martinkuchen.com
facebook.com/martin.kuchen

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