Porträts brasilianischer Komponist/inn/en XL

Intrigenopfer trotz Protektion

Als Kind unversklavter Mulatten in Rio de Janeiro zeigte José Maurício Nunes García (1767 – 1830) großes Talent zur Musik. Es gelang ihm später dieses voll zu entfalten, da er als Priester im Hauptberuf Zugang sowohl zur (öffentlichen) Ausübung am Instrument als auch zur Komposition hatte. Obwohl er heute als Vater der brasilianischen Kunstmusik in seinem Herkunftsland anerkannt und gefeiert wird, so verfolgte ihn der Umstand, dass er schwarzer Hautfarbe war, ein Leben lang und erschwerte dem Hochtalentierten eine „weiße“ Komponistenkarriere.

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Romantische Imagination eines Auftritts von Pater José Maurício Nunes García am Cembalo vor dem Regenten Dom Joao (Henrique Bernardelli, US p.d.)

Romantische Imagination eines Auftritts von Pater José Maurício Nunes García am Cembalo vor dem Regenten Dom João (Henrique Bernardelli, US p.d.)

Obwohl er nicht nur in seiner Funktion als Geistlicher am Hof, sondern vor allem seiner im übrigen autodidaktisch erworbenen Musikfertigkeiten wegen vom Prinzregenten João sehr geschätzt war, wurde er dort diskriminiert und verlor seine Position als königlicher Kapellmeister an den um fünf Jahre älteren Marcos António Portugal. Zudem verfolgten ihn verschiedene Intrigen weiter und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Dabei stand er nicht nur wegen seiner vielfältigen Einsätze als Musiker, singend und am Cembalo, in hohem Ansehen beim Thronprätendenten. João soll nämlich von seinem Vortrag so begeistert gewesen sein, dass er in jäher Begeisterung einem Adligen den Orden abnahm und ihn Nunes García an die Soutane heftete. Speiste sich möglicherweise daher die höfische Missgunst gegen den dunkelhäutigen Pater?

Auszug der Fagottstimme in Nunes Garcías Missa dos Defuntos (CPM 185 US p.d.)

Auszug der Fagottstimme in Nunes Garcías ‚Missa dos Defuntos‘ (CPM 185 US p.d.)

Aus seinem überwiegend geistlichen Gesamtschaffen ragt ein Requiem heraus, das nicht zufällig an Mozarts letztes Werk gleichen Genres erinnert. Namhaft sind auch bis heute eine Pastoralmesse, etliche weitere Messen und antiphonale Kompositionen, Oficios de Finados, Laudes und Vespermusiken. Wenig Notiz wurde freilich von seinen musikdramatischen Werken für das Real Teatro de São João genommen. Nunes Garcías Schaffen bewegt sich stilistisch zwischen barocker Faktur mit basso continuo und der zur Homophonie tendierenden Klassik Wiener Prägung; darüber hinaus fiel sein Komponieren in eine Zeit, als in Rio de Janeiro die italienische Oper mit ihren ausgeprägten Arienpartien und dem Kastratenwesen eine eminente Rolle spielte.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.