Morgendämmerung des niederländischen Barock

Sweelinck als Schüler

Wer stärkte eigentlich dem heranwachsenden Jan Pieterszoon Sweelinck dergestalt den Rücken, dass er später sein insbesondere für die Wende zum 17. Jahrhundert so einzigartig modernes Instrumentalgesamtwerk schaffen konnte, das dem stylus fantasticus eines Diderik Buxtehude und der Kunst J.S. Bachs um etliche Jahrzehnte vorgriff, beiden aber in seiner Weise ebenbürtig war?

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Ausschnitt aus dem vierstimmigen Kanon in Unisono 'Miserere mei Domine', SWWV 195 von Jan-Pieterszoon Sweelinck, 1618 (p.d.)

Ausschnitt aus dem vierstimmigen Kanon in Unisono ‚Miserere mei Domine‘, SWWV 195 von Jan-Pieterszoon Sweelinck, 1618 (p.d.)

Neben den 1594 in Antwerpen verlegten 18 Chansons französischer Betextung und einer Sammlung fünfstimmiger Motetten unter dem Titel Cantiones sacrae von 1619 seien hier nur die zahlreichen Ricercare, Toccaten, Fantasien, Variationen über Choräle und seine weltlichen Lied- und Tanzmelodien angeführt, die der 1562 in Deventer geborene spätere Organist der Amsterdamer Oude Kerk, die er vierzig Jahre lang bespielen sollte, hervorbrachte.

Dass er selbst später ein gefragter Pädagoge an Orgel und Cembalo werden konnte, ist nicht zuletzt der Unterweisung seines Vaters Pieter Swybertszoon zu danken, der selbst seit 1564 in Amsterdam angestellter Organist war. Laut einer Erwähnung von Johann Mattheson soll Jan Sweelinck um 1557 (was nach den gesicherten Lebensdaten nicht stimmen kann) bei Gioseffo Zarlino, der auch als Theoretiker einen weitreichenden Ruf besaß, in Venedig studiert haben.

Turm der St.-Bavo-Kirche in Haarlem, an der Jan Pieterszoon Sweelinck wohl von drei Musiklehrern profitierte (10.8.2005, Romary, GNU Free Doc. Lic.)

Turm der St.-Bavo-Kirche in Haarlem, an der Jan Pieterszoon Sweelinck wohl von drei Musiklehrern profitierte (10.8.2005, Romary, GNU Free Doc. Lic.)

Gesichert ist aber nur, dass er Zarlinos Werke lediglich kannte und dass er vielseitigen Unterricht durch Jan-Willemszoon Lossy erhielt, nämlich sowohl im Spiel von Streich- und Blasinstrumenten als auch in Musiktheorie, Kontrapunkt und Diminutuonstechniken. Lossy selbst (ca. 1545 – 1629) fungierte als Stadtmusikant in Haarlem, gehörte also zu einer Berufsgruppe, die bei mäßiger Bezahlung nahezu rund um die Uhr die gesamte Stadtbeschallung, Hochzeitstuschs, Bürgermeisters Geburtstagsständchen, Begräbnismusiken, Turmblasen und Kirchendienst zu besorgen hatte.

Porträt von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 - 1621), gemalt wohl von seinem Bruder Gerrit Pieters Sweelinck im Jahr 1606 (Gemeentemuseum Den Haag, p.d.)

Porträt von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 – 1621), gemalt wohl von seinem Bruder Gerrit Pieters Sweelinck im Jahr 1606 (Gemeentemuseum Den Haag, p.d.)

Jan-Willemszoon Lossy stammte aus Alkmaar, sang in seiner Jugend als Countertenor und erlernte das Spiel auf Carillon und Basspommer. Mit letzterem trat er an der Sint-Bavo-Kirche als Musiker auf. Bekannt ist auch, dass er in dem langen Zeitraum von 1592 bis 1629 ein (festes) Ensemble von Spielleuten dirigierte. Glücklicherweise scheint er aber keineswegs von der Ausübung des Stadtmusikantenamts abhängig gewesen zu sein, denn er war als Aktionär einer Bierbrauerei finanziell gut in Schuss. Schließlich heiratete er auch noch die Tochter eines reichen Brauers, Margaretha van Teijlingen, und war ein gemachter Mann. Nicht zuletzt dürfte sein Ruhm später von der Tatsache profitiert haben, dass er der maßgebliche Lehrer des in ganz Europa bekannten Komponisten Jan Pieterszoon Sweelinck war. Man vermutet freilich, dass Sweelinck in Haarlem nicht nur von ihm (im Basspommer-Spiel?), sondern auch von den beiden Organisten der Bavo-Kirche, Claas Albrechtszoon van Wieringen und Floris van Adrichem unterrichtet wurde.

81By7Rx3nyL__SL1200_B072L1P2XXAktuelle Einspielung:

Jan Pieterszoon Sweelinck

Psaumes français & Canciones Sacrae
Daniel Reuss / Cappella Amsterdam
Harmonia Mundi (16. Juni 2017)
B072L1P2XX

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.