Donatas Katkus und das Christophorus-Kammerorchester

Litauens Barockexport

Es macht wohl die besondere Mischung aus der russischen Violinschule und den westeuropäischen Traditionen, dass die litauischen Musiker des Kammerorchesters St. Christophorus an einer Nahtstelle zwischen Ost und West einen „persönlichen“ Weg der Interpretation Alter Musik eingeschlagen haben – und dies, zumal der Anschluss nach dem Abreißen barocker Aufführungspraxis erst wieder gefunden werden musste. Das Verdienst der Gründung einer inklusive Dirigenten achtzehnköpfigen Formation, die hierfür prädestiniert schien, gebührt dem Geiger und Altisten Donatas Katkus.

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Der Dirigent des St. Christopher Chamber Orchestra lehrt an der Litauischen Musikakademie Vilnius die Abteilungen für Streichquartett und Kammerorchester (Palast der Musikhochschule, Julius, 1.4.2017, p.d.).

Der Dirigent des St. Christopher Chamber Orchestra lehrt an der Litauischen Musikakademie Vilnius die Abteilungen für Streichquartett und Kammerorchester (Palast der Musikhochschule, Julius, 1.4.2017, p.d.).

1994 fiel der Startschuss und seither ist die Reihe von jährlich zahlreich stattfindenden Konzerten und Festivals nicht mehr abgerissen. Mittlerweile liegen mehr als 20 CD-Aufnahmen vor, die unter US-amerikanischen, deutschen, schwedischen und britischen Labels erschienen. Katkus selbst studierte in Vilnius ebenso wie in Moskau Violine und Musikwissenschaft, gründete 1965 das Vilnius Streichquartett, dem er selbst beinahe 30 Jahre lang angehörte. Schon früh hatte er sich an der Litauischen Musikakademie eine Stellung als Professor erworben und unterrichtet hier derzeit in den Sparten Kammermusik und Streichquartett. Anlässlich verschiedener westeuropäischer Sommerakademien hielt er Meisterklassen ab. Im Jahr nach der Gründung seines Kammerorchesters, das auch mit dem Repertoire der Wiener Klassik und in der russischen Romantik bestens vertraut ist, gelang es Donatas Katkus, der auch Leiter des Kammerorchesters Klaipeda war, das Christophorus Sommerfestival in Vilnius zu etablieren.

Eine ganz und gar tänzerisch inspirierte und schwerelose Interpretation von Telemanns Oboenkonzerten bietet jetzt Katkus' Christophorus-Kammerorchester (Blick auf den Hamburger Jungfernstieg, Edel, Oktober 2016, B01JOLZ4WY).

Eine ganz und gar tänzerisch inspirierte und schwerelose Interpretation von Telemanns Oboenkonzerten bietet jetzt Katkus‘ Christophorus-Kammerorchester (Blick auf den Hamburger Jungfernstieg, Edel, Oktober 2016, B01JOLZ4WY).

Im Mittelpunkt der Einspielung von sechs Oboenkonzerten Telemanns durch das Christophorus-Kammerorchester steht der 1979 geborene Oboist Andrius Puskunigis. Nach Studien in Kaunas, Metz und Saarbrücken ist er gefragter Solist in kleinen und großen Formationen zwischen Deutschland, Österreich, Großbritannien und Litauen selbst, wo er unter anderem mit der Pianistin Evelina Puzaite zusammenarbeitete. Gewisse Schwerpunkte bildeten bisher das Werk Joseph Haydns, Bachs (rekonstruierte) Oboenkonzerte und Schumanns Drei Romanzen. Für die Telemann-Konzerte übernahm als Partnerin Céline Scibetta-Puskunigis den Continuo-Part am Cembalo. Georg Philipp Telemann trieb bekanntlich selbst die Rezeption polnischer Tänze – ein Repertoire, das traditionell in Litauen sehr verbreitet ist – im deutschsprachigen Raum voran und integrierte deren Melodien in eigene Kompositionen. Den hiervon beeinflussten tänzerisch-schwungvollen Zugriff auf die Oboenkonzerte spürt man in der Aufnahme  deutlich heraus: Wie Tanzpaare schweben die Taktgruppen federleicht über das (imaginäre) Parkett …

Seit seiner Gründung 1994 hat das Christophorus-Kammerorchester "gut lachen": Dank seines Einsatzes hat litauische Musik nun eine Chance, auch international größere Aufmerksamkeit zu finden (A-1526840-1362174622-2372, Abr. 22.9.2017).

Seit seiner Gründung 1994 hat das Christophorus-Kammerorchester „gut lachen“: Dank seines Einsatzes hat litauische Musik nun eine Chance, auch international größere Aufmerksamkeit zu finden (A-1526840-1362174622-2372, Abr. 22.9.2017).

Mit dem Export Alter Musik, sei es von J.S. Bach, Telemann oder auch Johann Stamitz, hat es aber nicht sein Bewenden: Beim Label ambitus erschien eine international bunte Mischung von hierzulande bislang wenig bekannten Gitarrenkonzerten mit dem Kammerorchester unter dem Titel Integration, von Bronius Kutavicius, Axel Ruoff, dem Rumänen Anatol Vieru und dem Niederländer Theo Verbey bis zu Shih, einem Komponisten aus Taiwan. Osvaldas Balakauskas‘ Violinkonzert, sein Konzert für Oboe, Cembalo und Streicher sowie Meridionale für zwei Klaviere und Streicher können nun auch vom Tonträger gehört werden. Die Triangel-Sinfonie von Onute Narbutaite ist übrigens zusammen mit I Like Schubert von Vidmantas Bartulis und zwei geistlich inspirierten Werken bereits 1999 von einem litauischen Label herausgegeben worden.

Am 30. September 2017 ist das Orchester in Kaunas, einer akademisch geprägten Stadt, anlässlich des 75. Geburtstags seines Leiters Donatas Katkus übrigens nicht mit einem barocken Programm, sondern mit Werken osteuropäischer Provenienz von Schostakowitsch, Tschaikowsky und Balakauskas zu hören.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.