Interview mit Friedemann (COR)

„Ich vermisse die Eigeninitiative der Leute“

COR: "Leitkultur" (Rügencore/Cargo)

COR: „Leitkultur“ (Rügencore/Cargo)

amusio: „Das klingt zunächst einmal einwandfrei, doch sich alternativ bis links gerierende Geister reißen in dieser Hinsicht gerne mal die Klappe auf, lassen aber die Konsequenz vermissen…“

Friedemann: „Dann bleibt es beim Gerede, dann ist es Quatsch. Wir sind seit 1988 als Band unterwegs. Beflügelt von dem Gefühl, die Leute zu erreichen und somit tatsächlich etwas zu bewegen. Oder nimm das von uns gegründete Clubhaus auf Rügen. Das haben wir komplett in Eigeninitiative, also ohne staatliche Förderung, durchgezogen. Wenn ich mir hingegen heute – auch und gerade in der Punk-Szene – all die Papiertiger anschaue und ihre Lippenbekenntnisse vernehme, stimmt mich das wieder ziemlich traurig.“

amusio: „Lass uns zur Gemütsaufhellung doch mal über den Metal-Anteil bei COR sprechen…“

Friedemann: „Der ist kein Zufallsprodukt. Ich bin ein großer Freund von metallischer Musik. Aber auch von vielen anderen Sachen. Ich höre querbeet, von Blues bis Crustcore. Nur keine rassistische Kackscheiße.“

amusio: „Zum Beispiel?“

Friedemann: „ Pantera oder Rose Tattoo. So sehr ich deren Platten auch schätze, wenn nicht gar liebe. Was Phil Anselmo oder Angry Anderson an rassistischem Dreck von sich geben, lässt sich mit Suff und Drogen nicht mehr entschuldigen. Deren Musik kann ich nicht mehr hören. Basta. Ich erwarte von Menschen, die die Welt gesehen haben, eine andere Haltung.“

amusio: „Und wenn dir selbst mal etwas herausrutschen sollte, was dir anschließend übel aufstößt?“

Friedemann: „Gut, dann würde ich vielleicht auf eine geistige Umnachtung von hoffentlich nur vorübergehender Natur plädieren. Sag niemals nie. Aber ich weiß, wie jeder auch nur halbwegs intelligente Mensch, dass sich nichts pauschalisieren lässt: Es gibt gute und es gibt schlechte Bäcker, Polizisten, Rockmusiker, Ausländer, Deutsche. Sich das stets vor Augen zu halten, das gebe ich gerne zu, fällt nicht immer leicht.“

amusio: „Wie verhältst du dich gegenüber offensichtlichen AfD-Anhängern?“

Friedemann: „Mit denen rede ich. In der Nachbarschaft. Ich kann den Grad ihrer Verunsicherung einschätzen. Niemand erklärt ihnen die Welt. Also höre ich mir ihre Meinungen an und versuche anschließend, sie argumentativ zu entkräften. Oder die Leute zumindest zum Nachdenken anzuregen. Im Prinzip dasselbe, was ich mit der Musik und meinen Texten beabsichtige.“

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