Norwegen in der "Sattelzeit"

Wer waren Bertouchs Nachfolger?

Der Begriff „Sattelzeit“ mag manchen eher an den Wilden Westen erinnern, was auch nicht ganz verkehrt ist, wenn man bedenkt, dass die radikalste Erhebung gegen die Königsmonarchie mit anderen Revolutionen in diese Epoche fällt. Gesellschaftlicher Aufbruch, Sturm und Drang, politische Zündfeuer erzeugten ein Alltagsgefühl der Unsicherheit. In Norwegen, damals Wilder Nordwesten, machte sich das wie auch anderswo in Europa ebenso auf musikalischem Feld bemerkbar. Der dänisch-norwegische Musiker und spätere Festungsgeneral Georg von Bertouch gilt im Musikleben Norwegens als wichtiger Komponist der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aber wie ging es weiter? Die Frage, wer seine unmittebaren Nachfolger und Erben in Sachen Musik waren, lässt sich nicht leicht beantworten; sie stellt ein musikwissenschaftliches Forschungsdesiderat dar.

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Oslos Festung Akershus stammt in dieser Form aus dem 18. Jahrhundert. Der Komponist und Musiker Georg Bertouch wirkte dort als General, ein bis zwei Generationen später versuchte sich dort ein anderer Musiker, Henrik Falbe, mit wenig politischem Erfolg (Michael-von-Sundts-Platz, Jan-Tore Egge, 13.5.2014, CC-Liz.).

Oslos Festung Akershus stammt in dieser Form aus dem 18. Jahrhundert. Der Komponist und Musiker Georg Bertouch wirkte dort als General, ein bis zwei Generationen später versuchte sich dort ein anderer Musiker, Hans Hagerup Falbe, mit wenig politischem Erfolg (Michael-von-Sundts-Platz, Jan-Tore Egge, 13.5.2014, CC-Liz.).

Bertouchs „Konkurrent“ Johan Daniel Berlin war freilich wie er selbst kein „echter“ Norweger, sondern stammte aus Memel, damals einer deutschsprachigen Stadt. Er wirkte wenigstens noch bis in die 1770er Jahre hinein als Musiker und „Mann für alles“ in Trondheim; namhaft als Komponist wurde bekanntlich auch sein Sohn Johan Henrik. Doch wer konnte an die eigentliche Tradition des Landes anknüpfen? Erst im 18. Jahrhundert wurde folkloristische Musik hier aufgeschrieben, die aus dem Mittelalter überkommene Balladenkunst war aber bereits unaufhaltsam im Niedergang begriffen. Neben Kirchenkantaten dominierten auch nach 1700 noch lange Tanz- und Kammermusik. Die Ausübung und das Konzert- wie Chorwesen lagen völlig in der Hand der Stadtmusikanten; das Zeitalter der romantischen „Originalgenies“, die sich auf ältere Überlieferung zurückbesannen, lag noch in weiter Ferne …

Die Hardanger-Fiddle spielte in Norwegen auch während der Vor- udn Frühklassik eine bedeutsame Rolle, vorwiegend jenseits von klassischer Kunstmusik (Erik Sollid, Granittrock, 4.9.2010, Chell Hill, CC-Liz.).

Die Hardanger-Fiddle spielte in Norwegen auch während der Vor- udn Frühklassik eine bedeutsame Rolle, vorwiegend jenseits von klassischer Kunstmusik (Erik Sollid, Granittrock, 4.9.2010, Chell Hill, CC-Liz.).

Da tatsächlich keine spezifisch norwegische „Komponistenschule“ existierte, war man weitestgehend auf die Aktivitäten aus den Netzwerken der eingewanderten deutschstämmigen oder dänischen Musiker angewiesen. Immerhin entstanden aber nach 1750 in den (größeren) Städten halböffentliche musikalische Sozietäten, an deren Zirkeln aber nur das finanziell gut gestellte Bürgertum und der Adel partizipieren konnten. Seiner Verbreitung nach sollte der Anteil der folkloristischen Musik für Fiddle, die in Hardanger ihren Ursprung hatte, allerdings weit höher eingeschätzt werden, da gerade der „einfache Mann“ daran Anteil hatte, sowohl als Zuhörer als auch als Ausführender.

Ole Andreas Lindeman, Musikpädagoge und Organist in Trondheim, wirkte im Übergang zum 19. Jahrhundert nur nebenbei als Komponist (31.7.2008; Foto 1897 nach einer alten Vorlage, CC-Liz.).

Ole Andreas Lindeman, Musikpädagoge und Organist in Trondheim, wirkte im Übergang zum 19. Jahrhundert nur nebenbei als Komponist (31.7.2008; Foto 1897 nach einer alten Vorlage, CC-Liz.).

 

Eine kleine Zahl von Komponisten in der Vorklassik und der mittleren klassischen Periode, die aus dem Schatten reiner „Importmusik“ heraustraten, konnte sich im norwegischen Musikbetrieb dennoch etablieren, nach dem dänisch-norwegischen Geiger Johan Henrik Freithoff (1713 -1767), dessen Musik als Bindeglied vom nordeuropäischen Barock zur norwegischen Vorklassik betrachtet werden kann, etwa der in Bergen geborene Israel Gottlieb Wernicke (1755 – 1836). Dieser wirkte allerdings überwiegend in der Funktion eines Hofcembalisten in Kopenhagen, während sein Vater als Domorganist in Bergenfungiert hatte. Ole Andreas Lindeman (1769 – 1857) war in Trondheim vorwiegend als Musiklehrer und Organist tätig, indes konnte sich Hans Hagerup Falbe (1772 – 1830), der erst im Jahr 1814 zum norwegischen Staatsbürger gekürt wurde und als Stiftsamtmann in Akershus mit wenig Lorbeeren bedacht wurde, doch einen Namen als Komponist machen: Sein Stil zeigt neben traditionelleren Zügen Einflüsse der Wiener Ausprägung der Klassik, der in Werken wie Die Nacht – ein musikalisches Gemälde, einer Sinfonie in D-Dur, der Trauerkantate für John Collett (1810), dem Singspiel Geheime-Overfinanzraaden und drei Streichquartetten zum Tragen kommt.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.