Anathema (und Alcest) in Köln

Top-Atmosphäre – mit leichten Störungen

Anathema in der LMH, Köln (Stephan Wolf)

Anathema in der LMH, Köln (Stephan Wolf)

Vor einem Auditorium, das die Kapazität der Live Music Hall zu sprengen drohte, entfesselten die Gebrüder Cavanagh und Co. ein atmosphärisch dichtes Wechselbad zwischen verdichteter Anspannung und eruptiven Momenten der Erlösung. Das lässt sich durchaus so behaupten, wenngleich einige Nebenaspekte des Konzertabends zu Köln diese Aussage ein wenig relativieren – und somit in ein weniger euphorisiertes Licht rücken.

Da wäre zunächst einmal die Tatsache, dass sich die Reihen nach dem Auftritt des Supports – Alcest – insbesondere in den hinteren Gefilden der Halle doch spürbar lichten. Offenbar haben sich die französischen Blackgazer inzwischen eine derartige Fama erspielt, dass sie ihre Fans zu einem Konzert verführen – „ziehen“ – können, selbst wenn dieses gerade mal eine halbe Stunde währt. Und das völlig zurecht! Denn die Ausnahmeformation um Bandleader Neige stellte auch als Vorband unter Beweis, dass sie es versteht, den gegebenen Rahmen ohne Anlaufzeit mit vollkommener Weltentrückung zu füllen. Den verdienten Jubel erhalten Alcest aber offenbar auch vom Gros eines Publikums, das wegen Anathema anwesend ist. Und sich in Scharen zum Merchstand begibt, um sich erstmals mit Artikeln des „Special Guests“ einzudecken.

Lee Douglas, Anathema (Stephan Wolf)

Lee Douglas, Anathema (Stephan Wolf)

Hingegen kommen Anathema etwas schwerfällig in Schwung, was aber auch dem Charakter der ersten beiden dargebotenen Songs (San Francisco, Can’t Let Go) entspricht. Offenbar orientieren sich Anathema auch bei ihrer Setlist recht strikt an den dramaturgischen Vorgaben ihres aktuellen Albums The Optimist, das konzeptionell und narrativ bei A Fine Day To Exit (2001) anschließt. Jenem Album, mit dem Anathema einst den Umschwung vom Gothic Metal zum Progrock vollzogen. Doch spätestens beim Titelsong ihres neuesten Outputs kommt Schwung in die Bude.

Wiewohl: Die tendenziell eher bedächtige Stimmung des Materials wird – unverständlicherweise – von deplatziertem Takt-Klatschen begleitet, wozu die Band ihr Publikum zudem immer wieder animiert. Doch im Laufe des Sets ebbt selbst bei den sich augenscheinlich in Feierlaune befindlichen Fans die Lust am Skandieren merklich ab. Lieber will man lauschen (der Sound ist exzellent, wenn fast sogar schon eine Spur zu leise) und sich dabei sanft in den oftmals recht stoischen Rhythmen wiegen.

Lee Douglas, Anathema (Stephan Wolf)

Lee Douglas, Anathema (Stephan Wolf)

Nichtsdestotrotz steigern sich Anathema kontinuierlich – bis in den Zugabenteil hinein, wo sie mit Firelight und Distant Satellites gleich zwei Schmankerl bereithalten, die sie vorzüglich verbraten. Schade nur, dass sie jeglichen Rekurs auf die Metal-Vergangenheit vermeiden: Einen Übersong wie One Last Goodbye, den sie seit Judgement (1999) nicht mehr verfertigt haben, hätte der ein oder andere Fan zur Auflockerung eines insgesamt doch recht streng konzertierten Abends sicher gerne vernommen.

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