Satyrspiel in Musik

Reinigung von den Affekten

Jeder in der Regel ganztägigen Aufführung dreier griechischer Tragödien am Stück folgte in Perikles‘ Epoche ein Satyrspiel, um die Zuhörer und Zuschauer von den durch Furcht und Mitleid aufgestauten Affekten zu befreien. Am besten war dies natürlich durch Lachen zu bewerkstelligen. Da aber Komödien im gleichen Zug nicht zur Hand sein durften, schrieben die im Theateragon um den ersten Platz kämpfenden Autoren ein Satyrspiel für die abendliche Unterhaltung. Viele Stücke aus diesem Repertoire sind nicht erhalten, von Sophokles etwa kennt man heute nur ἸχνευταίDie Satyrn als Spürhunde und das Stück Κύκλωψ, Der Zyklop von Euripides. Doch scheint letzterer für die Gattung nicht allzu viel übrig gehabt zu haben.

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Witzig, abwechslungsreich, unterhaltsam, nachdenklich: Kammermusik von Dimitri Terzakis mit der Bratschistin Tatjana Masurenko, dem Pianisten Andrés Maupoint und dem Sprecher Christian Oliveira (Profil/Hänssler 2007, B002WNAX50)

Witzig, abwechslungsreich, unterhaltsam, nachdenklich: Kammermusik von Dimitri Terzakis mit der Bratschistin Tatjana Masurenko, dem Pianisten Andrés Maupoint und dem Sprecher Christian Oliveira (Profil/Hänssler 2007, B002WNAX50)

Die Verbindung mit der Musik wird handgreiflich, da vom mutmaßlichen Begründer des Satyrspiels, dem Tragiker Pratinas aus Phleius, der vom Ende des vorchristlichen 6. Jahrhunderts bis vor 467 lebte, ein Chorstück enthalten ist, das sich gegen die Dominanz der Aulos-Darbietungen richtet. Es steht daher wohl im Zusammenhang mit einem „Geschmackswandel“ oder einer Überlagerung widerstreitender Moden in der Instrumentalmusik des 5. Jahrhunderts. Tatsächlich speiste sich die Komik des Satyrspiels als solche jeweils aus dem Charakter des Chors, wird aber auch durch die Konfrontation der heroischen Welt mit der „animalischen“ der Satyrn im Gefolge des Dionysos erzeugt.

Szene aus einem Satyrspiel auf einer apulischen Weinkanne aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert (British Museum, GR 1884, Jastrow 2006, p.d.)

Szene aus einem Satyrspiel auf einer apulischen Weinkanne aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert (British Museum, GR 1884, Jastrow 2006, p.d.)

Pratinas scheint wirklich ein fleißiger Exponent des komischen Satyrspiels gewesen zu sein, denn deutlich mehr als die Hälfte seiner (wenigstens) bezeugten Werke gehören dieser Gattung an. Gut möglich, dass sich der griechische Komponist Dimitri Terzakis von den Titeln inspirieren ließ, als er seine gauklerisch leichtfüßige Klavierfantasie A Satyric Drame schrieb. Der aus Athen stammende Experte für Musiktheorie, Kontrapunkt und Fuge unterrichtete an diversen deutschen Hochschulen sowie in Bern und steht mit seinem ungewöhnlichen Stil jenseits der mitteleuropäischen Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – verwendet er doch zusätzlich zu seiner Präferenz für den melodischen Parameter Merkmale des altgriechischen Tonsystems, aus dem die Kirchentonarten Lydisch, Phrygisch und Mixolydisch hervorgingen. Damit klingen seine Stücke anders als man es vom herkömmlichen Dur-Moll-System erwartet, neue tonale Zentren entstehen.

Satyr: Detail aus einem Mosaik in der sizilianischen Villa Romana del Casale (xerones, 3.6.2006, CC-Liz.)

Satyr: Detail aus einem Mosaik in der sizilianischen Villa Romana del Casale (xerones, 3.6.2006, CC-Liz.)

Beeinflusst sind Terzakis‘ Stücke deutlich von der griechisch-orthodoxen geistlichen Musik, die dieser in einer Kirche auf dem Berg Athos studierte. Manche Wendungen in dem amüsant-kurzweiligen Wurf A Satyric Drame, der übrigens von einem seiner Schüler, nämlich Andrés Maupoint, eingespielt wurde, lassen an antike Modelle der Diatonik, aus der unsere Dur- und Molltonleitern entstanden, denken, manches erinnert aber auch an pentatonische Sequenzen. Themen rund um den Dionysoskult bestimmen ebenso Terzakis‘ Hommage à Dionysos für Orchester (1980) sowie Satyr und Naiaden (2006) für Klavier.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.