Musik der Karibik XLVI

Thema: Der mittelamerikanische Raum

Man muss nicht erst an Ottmar Ettes Erkenntnisse über die subtile kommunikative Vernetzung der insularen Inselwelten erinnern, um zu der Vermutung zu gelangen, dass sich die Karibik als musikalisches Programm zuallererst und überwiegend aus den eigenen Ressourcen entwickelte, sprich: aus den indigenen, später auch afrikanischen und gleichzeitigen kolonialeuropäischen Tänzen, Gesängen sowie aus deren melodischen, harmonischen und rhythmischen Traditionen. Was mit den Piratenfilmen aufkam und seinen vorläufigen phantasmagorischen Höhepunkt in Hans Zimmers Filmmusik zum Fluch der Karibik fand, ist hingegen von der vergangenen wie gegenwärtigen kulturellen Realität völlig entrückt.

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Eine weitverzweigte Kommunikation, auch durch (perkussive) Musik, überzieht die gesamte karibische Inselwelt: vom Trommelalphabet über Fischerboote bis zum modernen Funk und zum Internet (im Hintergrund: das Kreuzfahrtschiff 'Adventures of the Sea'; Dennis Mattheson, 7.8.2007, CC-Liz.).

Eine weitverzweigte Kommunikation, auch durch (perkussive) Musik, überzieht die gesamte karibische Inselwelt: vom Trommelalphabet über Fischerboote bis zum modernen Funk und zum Internet (im Hintergrund: das Kreuzfahrtschiff ‚Adventures of the Sea‘; Dennis Mattheson, 7.8.2007, CC-Liz.).

Das Fabulieren über eine nicht persönlich erfahrene Karibik reicht, wenigstens was deren mexikanischen Anteil betrifft, in der Musikgeschichte weit zurück: Hier kann man an Antonio Vivaldis Oper Montezuma, abgeschlossen 1732 in Venedig, denken, aber auch an kurz danach unternommenen Deutungen dieses Stoffes, der in ganz Europa dank Interesses am Exotischen im Kielwasser der Aufklärung über den „edlen Wilden“ en vogue war.

Die Rezeption mittelamerikanischer Stoffe beschränkte sich im 18. Jahrhundert mit der Faszination der Figur Montezumas nicht völlig, aber weitgehend auf Mexiko (B000026DGF, Astrée Auvidis, 1992).

Die Rezeption mittelamerikanischer Stoffe beschränkte sich im 18. Jahrhundert mit der Faszination der Figur Montezumas nicht völlig, aber weitgehend auf Mexiko (B000026DGF, Astrée Auvidis, 1992).

 

 

Carl Heinich Graun schrieb am preußischen Hofe in spätbarocker, mit dem Melos des vorklassischen Stils untermischter Manier 1755 ein dreiaktiges Musikbühnendrama gleichen Titels. Dessen Besonderheit liegt darin, dass der flötenspielende und dem Krieg gleichermaßen nicht abgeneigte König Friedrich II., der ein begrenztes Interesse auch für ferne Kontinente hegte, das Libretto zu der glücklicherweise erhaltenen Oper verfasst hatte. Die geheimnisvolle Seite der karibischen Welt spielt im übrigen selbst noch in Theodor Storms Novelle Von Jenseits des Meeres (1865) über eine mysteriöse, von der Insel St. Thomas abstammende Mulattin eine gewichtige Rolle, wobei ein französischer Kupferstich zu Jaques-Henri Bernardins de Saint Pierre allerdings auf Mauritius, nicht in der Karibik angesiedeltem Roman Paul et Virginie (1788) als Bildreferenz dient.

Carl Heinrich Graun widmete sich der Figur des Aztekenherrschers Montezuma auf Basis eines königlichen Librettos (Erste Gesamteinspielung,  B004P96WVS, Capriccio 2011).

Carl Heinrich Graun widmete sich der Figur des Aztekenherrschers Montezuma auf Basis eines königlichen Librettos (Erste Gesamteinspielung, B004P96WVS, Capriccio 2011).

Zurück zu Zimmers Klangfolie für die Erfolgsreihe Fluch der Karibik: Immerhin setzt man in der kommerziellen Musikindustrie, wenn das (erweiterte) Symphonieorchester genutzt wird, auf die drei Prinzipien der Programmmusik, nämlich auf die Nachahmung von (Natur-)Lauten inkl. Papageiengeplapper, nahezu überflüssig zu erwähnen: auf die Ansprache des Gefühls und auf die Wiedererkennung von Leitmotiven, auch wenn diese mit der folkloristischen karibischen Musik hier sehr wenig zu tun haben. Unsere eingeschränkte Empfehlung gilt in der Adventszeit (notgedrungen) auch für eine Mischmasch-Veröffentlichung wie die CD Karibische Weihnachten mit Mr. Hurley und den Pulveraffen, denn hier scheint es sich wenigstens um einen parodistischen Wurf zu handeln …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.