Man muss kein absoluter Anhänger von Samba und Salsa sein, um diese Einspielung unter dem erst 42jährigen Dirigenten Timo Handschuh mit Interesse zu hören. Marimba, Vibraphon und Pauke(n) sind in einer brasilianischen Combo keine Seltenheit und so schuf einer der Altmeister des Schlagwerks für Ensemble, Ney Rosauro, Konzerte und eine Serenade für diverse solistische Besetzungen mit diesen Instrumenten. Der Titel Brazilian Fantasy, ein Stück für zwei Marimbas und Streicher, setzte darauf das i-Tüpfelchen und markierte gleichzeitig die Ausrichtung: Erfindung und Improvisationskunst waren für das gesamte Repertoire oberste Gebote.

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Seit Heitor Villa-Lobos gilt zwar die Bezugnahme braisilianischer Komponisten auf Bach (und seine innere künstlerische Freiheit) als Gemeinplatz, doch dient sie auch als bloße Evokation des kompositorisch Möglichen wie in Rosauros Stück ‚Brazilian Fantasy‘ (B075YC14J9, Edition Günter Hänssler 2017).

Die Dreifachrolle eines über Jahrzehnte aktiven Konzertperkussionisten, Dirigenten und Komponisten gleichermaßen entspräche zumindest in Europa nicht gerade der Tagesordnung, jedenfalls nicht dort, wo der Weg einer kunstmusikalischen Karriere beschritten wurde. Aus europäischer Perspektive stellt sich ebenso meist die Frage, in welcher Stilsparte ein Repräsentant klassischer oder moderner avantgardistischer Musik denn überwiegend verortet ist. Im Falle des in Rio de Janeiro geborenen Ney Rosauro lässt sich hierfür ohnehin keine stimmige Antwort finden. Gibt es überhaupt eine Verbindung zu traditioneller ernster Musik, muss nicht vielmehr von jazzgefärbter Folkloristik gesprochen werden? Stellt Tanzmusik in diesem Werk nicht vielmehr  nur eine Folie dar, die ganz und gar transparent bleibt?

Meister diversen Schlagwerks: Ney Rosauro auf seinem Album 'Rapsódia' von 2007 (B00111KYG2, CD Baby - Indys)
Meister diversen Schlagwerks: Ney Rosauro auf seinem Album ‚Rapsódia‘ von 2007 (B00111KYG2, CD Baby – Indys)

Rosauro will nach eigenen Worten Atmosphären zu bestimmten Ideen und Themen erzeugen. Im Titel des ersten Satzes seines Konzerts Nr. 2 für Vibraphon und Streicher The Roots ist die Verwendung von Melodien und harmonischen Teilen aus früheren (nahezu unbekannten) und nicht veröffentlichten Stücken verschlüsselt. „Material“ ist also genügend vorhanden; was streckenweise nach freier Fortspinnung und Improvisation erklingt, ist also großenteils planvoll ausgedacht, kein Ergebnis aus einem Würfelspiel. Unkonventionell an diesem Konzert ist der Einsatz von Xylophon-Schlägeln ebenso wie die Nachahmung von Glockenton und des „toten Schlags“. Dass in Wahrheit nichts einfach dem Zufall überlassen bleibt, auch wenn manchmal eine gewisse Beliebigkeit durchklingen mag, liegt auch an der vollen Konzentration, die Ney Rosauro neu entstehenden Würfen angedeihen lässt. Nachdem er seine Tätigkeit als Direktor der Schlagzeugabteilung an der Universität von Miami 2009 niedergelegt hatte, kaprizierte er sich vollkommen auf das freie künstlerische Engagement, Auftritte in der Öffentlichkeit wo immer sinnvoll und möglich natürlich eingeschlossen. Die stolze Zahl seiner Konzerte in mehr als 45 Ländern spiegelt dies eindrucksvoll, ebenso tut dies die Leitung diverser Meisterklassen.

Der Solist Roland Haerdtner ist Rosauros Partner im 'Konzert für Pauken und Streicher' ebenso wie für die 'Serenata a Due für Vibraphon, Marimba und Streicher' und 'Brazilian Fantasy' ( Uwe Foto, 5.6.2009, CC-Liz.).
Der Solist Roland Haerdtner ist Rosauros Partner im ‚Konzert für Pauken und Streicher‘ ebenso wie für die ‚Serenata a Due für Vibraphon, Marimba und Streicher‘ und ‚Brazilian Fantasy‘ ( Uwe Foto, 5.6.2009, CC-Liz.).

Eine gleichermaßen universal orientierte Persönlichkeit fand Rosauro für die Aufnahme auch des Konzerts für Pauken und Streicher im  Stabspielvirtuosen und Solisten Roland Haerdtner, der nicht nur zwischen Barock, Romantik, Pop und Jazz unterwegs ist, sondern auch im Bereich der Weltmusik mit Künstlern wie dem Djembé-Spieler Amadou Kienou aus Burkina Faso zusammenarbeitete.

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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