Das Homerische Epos im Musiktheater

Odysseen

Zunächst bemächtigten sich Kantaten- und OpernkomponistInnen, viel später auch Filmregisseure des Odyssee-Stoffs und seines Helden. Von partiellem Interesse war die Rückkehr des „weit Verschlagenen“ zu seiner Gattin Penelope, prototypisch in die große Musiktheaterszenerie versetzt durch Claudio Monteverdi. Nach seiner Oper Il ritorno di Ulisse in Patria von 1641 entsprach Marc-Antoine Charpentier dem spätestens in der Renaissance erwachten Publikumsinteresse an dieser Weiterführung des trojanischen Sagenkreises: Er wählte aus Homers Irrfahrten die markante Episode mit der hinterlistigen Zauberin aus und schrieb die Schauspielmusik zu Circé, die 1675 in Paris veröffentlicht wurde.

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Die athenische Vase von Vulci (ca. 440 v. Chr.) zeigt die Szene, als Nausikaa am Strand von Scheria auf den gestrandeten Odysseus (mit Athene) trifft (Staatliche Antikensammlungen München, CCASA 2.0, CC-Liz.).

Die athenische Vase von Vulci (ca. 440 v. Chr.) zeigt die Szene, als Nausikaa am Strand von Scheria auf den gestrandeten Odysseus (mit Athene) trifft (Staatliche Antikensammlungen München, CCASA 2.0, CC-Liz.).

Damit nicht genug der (spät-)barocken Entwürfe trug auch die fürstlich protegierte Elisabeth Jacquet de la Guerre, eine Meisterin im übrigen der Kammersonate und vielfältiger Cembalomusik im ausgehenden 17. Jahrhundert, bei. Um 1715 entstand ihre elfteilige weltliche Kantate Le Sommeil d’Ulisse mit einleitender kurzer Simphonie, der diverse Gesangsanfänge aus dem Epos vorangingen, in denen der schiffbrüchige Held an fremden Gestaden erwacht, hier speziell aber die unfreiwillige Ankunft auf Scheria, der Insel der Phäaken. Sinnfällig interpretiert der Epilog der Kantate diese Szene als Schlüssel zu Odysseus‘ erwachendem Sendungsbewusstsein nach seinem Dämmerschlaf am Strand: Nach Ithaka geht es nun in die Zielgerade, am Ende steht die Wiedererlangung der Macht über Haus und Land.

Marc-Antoine Charpentier ()1643? - 1704) komponierte eine instrumentale Schauspielmusik zum Kirke-Stoff der Odyssee (26.2.2005, upl. Louis le Grand, US p.d.).

Marc-Antoine Charpentier ()1643? – 1704) komponierte eine instrumentale Schauspielmusik zum Kirke-Stoff der Odyssee (mutmaßliches Porträt; 26.2.2005, upl. Louis le Grand, US p.d.).

 

Reinhard Keiser schuf 1722 für die Uraufführung am Hoftheater Kopenhagen seine Oper Ulysses, deren Text sich auf eine französische Oper von Henri Guichard mit Musik von Jean-Féry Rebel aus dem Jahr 1703 bezog. Weniger an den Kernszenen der Odyssee ist Georg Friedrich Händels letzte Oper Deidamia von 1741 orientiert: Sie behandelt eine Episode aus Odysseus’ Leben vor dem einsetzenden Trojanischen Krieg. Nach der mythographischen Überlieferung durch Apollodoros von Athen wollte die Meeresnymphe Thetis verhindern, dass sich ihr sterblicher Sohn Achilles am Krieg beteiligte und schickte ihn zu König Lykomedes nach Skyros, wo er sich in dessen Tochter Deidameia verliebte. Odysseus kommt im komödienhaften weiteren Verlauf der Erzählung insofern vor, als er den sorglosen Achilles, der sich als Mädchen verkleidet hat, Avancen macht. Es kommt in der Mythe, wie es kommen musste: Deidameia verliert den verantwortungslosen Jüngling Achill; so wird es ihm möglich am Krieg gegen Troja teilzunehmen …

Eine gewisse Rolle als "Katalysator" der Handlung spielt in Händels letzter Oper 'Deidamia' Odysseus (Titelseite des Librettos wahrsch. 1741, p.d.).

Eine gewisse Rolle als „Katalysator“ der Handlung spielt in Händels letzter Oper ‚Deidamia‘ Odysseus (Titelseite des Librettos wahrsch. 1741, p.d.).

Nach Gabriel Faurés Penelope widmete sich übrigens auch Rolf Liebermann in einer opera semiseria demselben Stoff mit Zentrierung auf die Figur von Odysseus‘ Gattin. 1968 fand die Premiere von Luigi Dallapiccolas Oper Ulysses Premiere. Zwanzig Jahre später wählte der Komponist Klaus Michael Arp mit Referenz auf ein Schauspiel von Fritz von Unruh aus dem Gesamtepos den Aufenthalt von Odysseus auf Ogygia bei Kalypso. In der dreiaktigen Oper treten weitere trojanische Helden und Gott Hermes sowie Telemach und die von einer Bärin gesäugte amazonenhafte Jägerin Atalante auf.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.