Musicalabend mit viel Humor und Esprit

Böser Wald, gutes Dorf – oder umgekehrt?

Ein Musical in bester Weill-Brecht-Tradition, aber unter den Vorzeichen der Gegenwart: So präsentierte sich gestern die Erfurter Premiere von Thomas Zaufkes und Peter Lunds Grimm! Anders als beim möglichen Vorbild der Dreigroschenoper dominierte jedoch der komische Aspekt, wobei sich das pädagogische Ethos, „die Moral von der Geschicht'“, ebenso wie in den Brecht-Stücken durchgehend bemerkbar macht, nicht nur in der übergeordneten Handlung selbst, sondern vornehmlich in den Solo-Gesangsnummern der einzelnen Charaktere, die außer Rotkäppchen nur Tiere vorstellten, von Schweinchen Schlau über Hofhund Sultan bis zu Oma Eule.

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In einer manchmal "grenzwertigen" Dorfgesellschaft fühlt sich Rotkäppchen (Catherine Chikosi) nicht immer ganz wohl; deshalb zieht es sie in die "Gegenwelt" Wald (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

In einer manchmal „grenzwertigen“ Dorfgesellschaft fühlt sich Rotkäppchen (Catherine Chikosi) nicht immer ganz wohl; deshalb zieht es sie in die „Gegenwelt“ Wald (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Lunds dramatischer Wurf lebt geradezu von den Stereotypen, die sich ständig ins Derb-Komische verkehren, vordergründig aber menschliche Vorurteile über Tiere bestätigen. Dementsprechend ist der Wald böse und pervertiert, der Kreide fressende Wolf passt mit seinem hinterlistigen Wesen ideal hinein, die Schweine bewerfen sich mit ordinären Zuschreibungen ihres Artnamens, sei es weil sie (angeblich) dick oder dumm sind oder intrigant agieren, die Hofhunde kommen als faule und  Kreaturen auch nicht besser weg. Doch manche Tiere sind, um auf Orwells Animal Farm anzuspielen, anders: die fürsorgliche, wenn auch wolfs- bzw. mannstolle Geißenmutter oder die weise Eule, die den Gegensatz zwischen Wald und Dorf philosophisch zu überbrücken weiß. Die Geißenkinder sind unschuldig, das menschliche Rotkäppchen hingegen nicht frei von Besserwisserei und Dominanzgehabe.

Schweinchen Schlau gerät mit Dicklinde aneinander, die in ein weibliches Wildschwein verliebt ist (Erik Biegel, rechts; Feline Zimmermann, links im Bild; Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Schweinchen Schlau gerät mit Dicklinde aneinander, die in ein weibliches Wildschwein verliebt ist (Erik Biegel, rechts; Feline Zimmermann, links im Bild; Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Das Charakter-„Schweinchen Schlau“, schauspielerisch und gesanglich höchst glücklich getroffen von Erik Biegel, denunziert und intrigiert perfide gegen den ihm verhassten Wolf, der im Dorf Angst auslöst. Hier wirkt das Rotkäppchen, das sich offensichtlich in ihn verliebt und im Kontrast zur Überlieferung von Charles Perrault und den Brüdern Grimm tatsächlich nicht gefressen wird, als Katalysator, das zwischen dem wilden, gefährlichen Wald und dem korrumpierten, in Borniertheit und Degeneration dahindämmernden Dorf vermittelt und gar den vorgeblich bösen Wolf als neuen Dorfbewohner einführt – sehr zum Ärger von Schweinchen Schlau und den als Polizisten verkleideten Hunden.

Rotkäppchen (Catherine Chikosi) allein auf dem Weg in den angstbesetzten Wald (L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Rotkäppchen (Catherine Chikosi) allein auf dem Weg in den angstbesetzten Wald (L. Edelhoff, Theater Erfurt)

 

 

 

Die erfahrene Musicalsängerin Catherine Chikosi, die den Rotkäppchen-Part sehr einfühlsam und stimmvoluminös darstellte, war für die „Brückenrolle“ der Figur dank afrikanisch-deutscher Herkunft wie geschaffen; sie trug dazu bei, dass die Bedeutung der Überbrückung ethnischer Gegensätze, wie sie in der heutigen Flüchtlingskrise von eminenter Wichtigkeit erscheint, ständig mitschwingt. Verstärkt wird dieser Gedanke durch den Song-Refrain „Wir sind nicht allein auf der Welt“, der die Überzeugung des Menschenwesens Rotkäppchen im Kreis gleichgestellter „Tiere“ komprimiert zum Ausdruck bringt.

Den grimmen und grollenden, aber nicht auf Menschenfleisch versessenen Wolf verkörperte der österreichische Sänger und Schauspieler Raphael Köb, der schon zahlreiche Musicalrollen perfekt besetzte (L. Edelhoff, Theater Erfurt).

Den grimmen und grollenden, aber nicht auf Menschenfleisch versessenen Wolf verkörperte der österreichische Sänger und Schauspieler Raphael Köb, der schon zahlreiche Musicalrollen perfekt besetzte (L. Edelhoff, Theater Erfurt).

Dass der Wolf alias Raphael Köb im Wald zurückgezogen lebt und dem Menschen grollt, ist Teil seiner Biographie, denn seine Eltern wurden durch den Verrat Sultans, repräsentiert durch Kammersänger Máté Sólyom-Nagy, einst vom Jäger erschossen. Mal von den Intrigen gegen ihn gekränkt, mal ratlos angesichts der Bosheit einer ach so zivilisierten Gesellschaft, konzentriert in der Figur von Schweinchen Schlau, schwebt er zwischen Himmel und Erde, was bei seiner Initiation im Dorf optisch greifbar wird, als er von vielen Händen in der Luft gehalten wird. Die suggerierte, im Dorf vorherrschende Dummheit setzt sich immer wieder dem Gelächter des Publikums aus, etwa, als die „spießigen“, den „Schildbürgern“ vergleichbaren Einwohner, selbst in der Wolfsfalle eingeschlossen, den Käfig nach vorne tragen, um den Schlüssel zu erhaschen und auf die alte Stelle wieder zurückgehen, um ihn (unnötigerweise dort) aufzuschließen.

Im dämonischen Wald gibt es nicht nur Fliegenpilze, hier haust auch ein grimmiger Wildschwein-Teenager (Julia Steingaß; L. Edelhoff, Theater Erfurt).

Im dämonischen Wald gibt es nicht nur Fliegenpilze, hier haust auch ein grimmiger Wildschwein-Teenager (Julia Steingaß; L. Edelhoff, Theater Erfurt).

Neben ihren gesprochenen Monologen überzeugten Anja Augustin in der Rolle der Waldeule und Susanne Krassa in derjenigen von Gisela Geiß, der „alleinerziehenden“ Mutter von sechs Ziegensprösslein, auch gesanglich besonders. Die von der Inszenierung Stephan Beers, von Georg Burger und Susanne Ahrens mit Constanze Klusch verantwortete Kostümierung der Figuren zeugte von ebenso viel Ideenreichtum wie Sorgfalt, vor allem aber von dem in Details reichenden Bemühen um eine eindrückliche Verkörperung der Tiertypen.

Gesanglich und in der Deklamation klar und eindringlich präsentierte sich die Münchner Sängerin Anja Augustin in der Rolle von Oma Eule (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Gesanglich und in der Deklamation klar und eindringlich präsentierte sich die Münchner Sängerin Anja Augustin in der Rolle von Oma Eule (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

 

 

 

 

 

Für die Kinder im Grundschulalter eignet sich das zivilisationskritisch zugespitzte und mit Elementen der Tierfabel angereicherte Märchenmusical, uraufgeführt 2014 in Graz, wegen gelegentlicher zotiger Allusion vielleicht nur bedingt, aus diesem Grund mag es im Abendprogramm für Erwachsene angebrachter sein. Die Musiker unter dem jungen Dirigenten Peter Leipold sorgten an Klavier, Synthesizer, Schlagzeug, Trompete, Klarinette, Saxophon und  Flöte neben dem Kinder- und Jugendchor des Theaters für eine mehr als nur angemessene akustische Illustration und – mitunter jazzig angeschrägte – Kommentierung und trugen zum glänzenden Erfolg der Premiere am Donnerstagabend bei.

Grimm! Weitere Termine 2018:

23. Februar
4./5. März
23. März
15./16. April
28. April

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.