Französische Parerga der Popular- und Kunstmusik

Farandole und Fricassée

Gegenüber der so genannten Flächenform, in der gleiche, echoartige oder ähnliche Motive hintereinander aufgereiht werden, bevorzugte man im Frankreich des 16. Jahrhunderts offenkundig die dreidimensionale Mischform, in der möglichst selbstständige Melodien im Sinne eines cantus firmus gleichzeitig erklingen sollten, das Fricassée.

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Ausschnitt aus einer traditionellen Farandole von Tarascon, gelegen in einem der südlichsten Departments Frankreichs, auf dem linken Ufer der Rhone (www.zictrad.free.fr, 28.8.2013, EU p.d.)

Ausschnitt aus einer traditionellen Farandole von Tarascon, gelegen in einem der südlichsten Departments Frankreichs, auf dem linken Ufer der Rhone (www.zictrad.free.fr, 28.8.2013, EU p.d.)

Von einem solch buntgewürfelten „Salat sind heute noch Reste im Potpourri, seinen Wurzeln aus der frühen und mittleren Barockzeit entsprechend eigentlich Pot poury burlesque lautend, und im etwas strenger gefassten Quodlibet vorzufinden. der Kniff des letzteren besteht bekanntlich in der hohen kontrapunktischen Kunst, zeitlich versetzte Stücke dennoch harmonisch stimmig hintereinander erklingen zu lassen.

Namensvetter: das kulinarische ("Alligator"-)Fricassée (Angie Garrett, 23.1.2011, CC-Liz.)

Namensvetter: das kulinarische („Alligator“-)Fricassée (Angie Garrett, 23.1.2011, CC-Liz.) Wohl bekomm’s!

 

 

Das musikalische Fricassée der Renaissance ist nicht etwa primär in der höheren Gesellschaft zu verorten, die ausreichend Zeit zu Müßiggang und müßiger Beschäftigung hatte, sondern in anonymen volksläufigen Stücken, die (sonst) niemand notiert hätte. Der zweite Teil von Pierre Attaingnants für die Musikgeschichtsschreibung eminent wichtigem Chanson-Buch aus dem Jahr 1536 nennt nach heutigem Quellenstand diese Spielerei erstmals. Von einer harmonisch-logischen Verknüpfung der Melodien kann dabei ähnlich wie im ein Jahrhundert später populär gewordenen Pot poury nicht unbedingt ausgegangen werden.

Georges Bizet ließ in 'L'Arlésienne' eine Variation eines alten 'farandoulo' aus Südfrankreich erklingen (Gemälde von Felix Henri Giacomotti, Carnavalet Museum, Inv. P. 2501, p.d.)

Georges Bizet ließ in ‚L’Arlésienne‘ eine Variation eines alten ‚farandoulo‘ aus Südfrankreich erklingen (Gemälde von Felix Henri Giacomotti, Carnavalet Museum, Inv. P. 2501, p.d.)

Vielleicht noch älter als diese Mixtur ist der provenzalische Farandole, ein bis heute gerade in und um Nizza herum lebendiger Kettentanz im 6/8-Takt, der auch Spiralfiguren und Verschlingungen kennt. Traditionell wird er von einer einhändig spielbaren Flöte und vom Tamburin begleitet. Dieser Umstand mag andeuten, dass er in ländlich-kleinstädtischer Umgebung bereits im späten Mittelalter oder spätestens in der frühen Neuzeit gepflegt wurde. Jedenfalls ist der zum ersten Mal 1776 belegte farandoulo so beliebt gewiesen, dass ihn noch Charles Gounod zum Beginn des zweiten Akts seiner 1864 beendeten Oper Mireille verwendete und Georges Bizet ihn durch den Gebrauch in der 1872 uraufgeführten dreiaktigen Schauspielmusik L’Arlesienne nach Alphonse Daudet „verewigte“.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.