Überraschung ist garantiert, wenn man das Booklet der aktuellen Einspielung des ORF Radio-Symphonieorchesters aufschlägt und sofort konfrontiert wird mit zwei gutgelaunten hochrangigen Künstlern nebeneinander auf einem Foto von 1948, die außer ihrer synchronen Lebenszeit in Russland nichts miteinander gemein hatten, vielmehr „unfreiwillige“ Antipoden darstellten: Gemeint sind Dmitry Kabalevsky und Mieczyslaw Weinberg, der von der Musikkritik gerne als Schostakowitschs düstrer Schatten verstanden wurde. In Wirklichkeit ist auch die Verwandtschaft mit letzterem auch nur eine politische, da beide in derselben unangenehmen Lage waren, zu den Verfolgten von Stalins kulturellen Säuberungsaktionen zu zählen.

Ausschnitt aus: Carl Holsoes Gemälde 'A lady playing the piano' aus der Zeit um 1900 (US pd). Den Klavierpart übernahm in Meisters Aufnahme Claire Huangci.
Ausschnitt aus: Carl Holsøes Gemälde ‚A lady playing the piano‘ aus der Zeit um 1900 (US pd). Den Klavierpart übernahm in Cornelius Meisters Aufnahme Claire Huangci.

Dass Orchesterchef Cornelius Meister Werke von Kabalevsky und Weinberg auf einer CD zusammengeführt hat, ist dabei gerade auf ihre diametrale Unterschiedlichkeit zurückführen, die für einen hohen Abwechslungsfaktor sorgt. (Zunächst) schwer zugänglich, etwas widerborstig und dennoch lyrisch gibt sich Weinbergs irritierend-insistierend klingendes Violinkonzert aus dem Jahr 1959, das dem Geiger Leonid Kogan gewidmet war.

Es schimmert expressionistisch in diversen Farben, die vom Solisten Benjamin Schmid rhythmisch akzentuiert, transparent und gleichzeitig schillernd, aber ohne Überspitzung gemalt werden. Nebenbei bemerkt: Schmid bewegt sich gelegentlich improvisierend im für die Violine nicht gerade typischen Jazz-Fach, was vielleicht das bewegliche Melos seiner Stimmführung erklärt. Sehr „russisch“, weniger polnisch trotz der Warschauer Herkunft seines Urhebers, wirkt Weinbergs forcierter Schlagwerkeinsatz zu Beginn des ersten Satzes. Interessant anzuhören ist das Konzert dank Meisters packendem Zugriff und dem entschiedenen Vorandrängen aller Instrumentalstimmen. Der Ideenreichtum des vierten Satzes Allegro risoluto am Ende wird von Geige und Orchester ganz ausgekostet.

Dmitry Kabalevsky (1904 - 1987) zeichnet sich durch eine spätromantische Schreibweise mit gelegentlich angeschlagenen moderneren Tönen aus (rechts im Bild als Kind neben seiner Mutter und Schwester, St. Petersburg 1911, Ru.pd. old 100, na).
Dmitry Kabalevsky (1904 – 1987) zeichnet sich durch eine spätromantische Schreibweise mit gelegentlich angeschlagenen moderneren Tönen aus (rechts im Bild als Kind neben seiner Mutter und Schwester, St. Petersburg 1911, Ru.pd. old 100, na).

Demgegenüber nimmt sich Dmitry Kabalevskys Klavierfantasie nach Schuberts Fantasie in f-Moll und in Teilen auch das Cellokonzert Nr. 1 tatsächlich sehr zahm und an die Vorgaben des sowjetischen Kulturministeriums angepasst aus. Es steht ganz im Zeichen einer unverfänglichen „sozialistisch-realistischen“ spätromantischen Diktion, die tatsächlich ein wenig an Prokofjew erinnert, dessen Melos allerdings eher in Light-Version bietet. Claire Huangci, Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, die sich ganz und gar nicht als geschwindigkeitsrekordverdächtige Tastenlöwin sieht, schätzt an dieser Musik ebenso wie bei ihren Tschaikowsky-Auftritten deutlich hörbar die emotionale, gefühlvolle Seite der Komposition, was insbesondere dem „Kassenschlager“ der Rundfunkprogramme, nämlich dem Largo, gut bekommt.

Eine mehr als nur gelungene Reverenz an Weinberg und Kabalevsky (B077BQGBT1, Capriccio 2018)
Eine mehr als nur gelungene Reverenz an Weinberg und Kabalevsky (B077BQGBT1, Capriccio 2018)

Ähnliches lässt sich über das Spiel der weitgereisten niederländischen Cellistin Harriet Krijgh sagen, die mit ihrer Interpretation des Cellokonzerts Nr. 1 g-Moll auch den von Kabalevsky verarbeiteten weissrussischen Volksliedern gebührende Aufmerksamkeit schenkt. Vielseitig und dennoch klar bis zur trotzigen Gebärde hin repräsentieren die Wiener Musiker mit ihrem Dirigenten Cornelius Meister die „erste Liga“ der international gefragten Symphonieorchester.

 

 

 

Von Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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