Die Morgendämmerung der Oper - noch immer rätselhaft

1651: Weltliches vom Götterhimmel

Hier kommt jeder Dirigent, Regisseur oder Arrangeur in Verlegenheit: Wie soll man Opernpartituren aus der Zeit zwischen Jacopo Peri und Alessandro Scarlatti (letzteren ausgenommen) so einrichten, dass ein vielstimmiges Orchester barocken Ausmaßes ihn vollklingend spielen kann?

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Wird von Juno des Ehebruchs mit dem Göttergatten Jupiter verdächtigt: die Nymphe Calisto (Daniela Gerstenmeyer; Foto: Lutz Edelhoff).

Wird von Juno des Ehebruchs mit dem Göttergatten Jupiter verdächtigt: die Nymphe Calisto (Daniela Gerstenmeyer; Foto: Lutz Edelhoff).

Vor dieser Aufgabe stand am Theater Erfurt Samuel Bächli, als er – wie schon vor beinahe fünf Jahren mit Monteverdis L’Incoronazione di Poppea – daran ging,  die in Venedig anno 1651 mit – wie heute unschwer zu erkennen ist – nachhaltigem Erfolg uraufgeführte Oper La Calisto von Monteverdis Schüler Francesco Cavalli (1602 – 1676) zu instrumentieren und mit den passenden Vokalparts zu besetzen, da doch kaum mehr als eine Singstimme mit basso continuo vorgegeben ist.

Katja Bildt in der Rolle des Ziegenmenschen Satirino mit Juri Batukov als stimmgewaltigem Göttervater Jupiter (Theater Erfurt, Studio; Ausstattung: Jeannine Clemen, Foto: Lutz Edelhoff)

Katja Bildt in der Rolle des Ziegenmenschen Satirino mit Juri Batukov als stimmgewaltigem Göttervater Jupiter (Theater Erfurt, Studio; Ausstattung: Jeannine Clemen, Foto: Lutz Edelhoff)

Samuel Bächlis historisch und aufführungstechnisch wohl durchdachte Lösung für das Problem, die im übrigen die thematischen Parallelen zu Jacques Offenbachs Pariser Leben reflektiert, sieht vor, dass angesichts der seit jeher engen Verzahnung zwischen der visuellen Inszenierung des Librettos und der musikalischen Dramaturgie im Orchestergraben zwangsläufig der Klang auch die Handlung abbilden muss. Da ähnlich wie in den Schauspielen etwa Lope de Vegas aus dem gleichen Zeitalter in La Calisto das Theater die imaginierte und reale Welt imitiert, kommt bei der Vielzahl höchst individueller Akteure ein buntes Spektakel auf den Zuschauer zu, das nach entsprechendem Klangvolumen verlangt.

Wesen wilder Wälder: Linfea (Ks. Jörg Rathmann), Satirino (K. Bildt) mit der Herrin der Tiere, Diana (M. Fredheim), die gleichzeitig auch Mond und Keuschheit repräsentiert (Foto: L. Edelhoff)

Wesen wilder Wälder: Jägerin Linfea (l. Ks. Jörg Rathmann) und der halbstarke Satirino (K. Bildt) mit der Herrin der Tiere, Diana (M. Fredheim), die gleichzeitig auch Mond und Keuschheit repräsentiert (Foto: L. Edelhoff)

Somit bleibt es nicht beim überlieferten Instrumentarium der Epoche, zu dem selbstverständlich Viola da Gamba, Laute, Harfe und Cembalo (gespielt von Ralph Neubert) zählen, es kommen spezifisch geeignete moderne Stimmen hinzu, gestern Abend zur Premiere repräsentiert durch Bassklarinette, Vibraphon und Celesta, dazu Bläserklangfarben aus klassisch-romantischen Kontexten wie etwa das Englischhorn. Ungewöhnlich auch im Vergleich zu sonstigen Rekonstruktionsversuchen der früh- und mittelbarocken Oper ist die Verwendung des im 18. Jahrhundert aus dem Orchester schon verschwundenen Zink, dessen Toncharakter bei den Oboen anzusiedeln ist. Für das Auftreten des Zinkenisten konnte mit Arno Paduch einer der weltweit ganz wenigen, musikwissenschaftlich informierten Spezialisten dafür aus Leipzig gewonnen werden, der unter anderem als Dirigent des Johann Rosenmüller Ensembles hervorgetreten ist.

Das mit Tuba, Posaune, Horn, Zink und Bassklarinette gut bestückte Kammerorchester der Premiere von 'La Calisto' am 1. März 2018 (L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Mit Tuba, Posaune, Horn, Zink und Bassklarinette gut bestückt: die Kammerauswahl des Philharmonischen Orchesters Erfurt mit Chanmin Chung am Pult – vor der Premiere von ‚La Calisto‘ am 1. März 2018 (L. Edelhoff)

Reizvoll am Libretto ist die im Mythos vorgegebene schonungslose Offenlegung der „Weltlichkeit“ des Götterhimmels, der das Treiben auf Erden aufs Beste kopiert: Die Leidenschaften Liebe, Neid, Begehren und Eifersucht sind beinahe untrennbar ineinander verstrickt. Jupiters neue Liebe, die Nymphe Calisto, durch Daniela Gerstenmeyer stimmlich und schauspielerisch wieder überzeugend repräsentiert, ist eigentlich in Diana, die Göttin der Jagd, verliebt, weshalb im übrigen die Handlung dem Interessensschwerpunkt des italienischen Singspiels im 17. Jahrhundert gemäß in pastoraler Idylle mit wilder Landschaft verortet ist – und nur sekundär im Götterhimmel, den eine Tür am Ende der Treppe von der Welt trennt.

Julian Freibott gab den empfindsamen Endymion, der Diana (M. Fredheim) liebt, mit großer Hingabe (L. Edelhoff).

Julian Freibott gab den empfindsamen Endymion, der Diana (M. Fredheim) liebt, mit großer Hingabe (L. Edelhoff).

Diana ihrerseits, stimmlich voluminös dargestellt durch die norwegische Sängerin Margrethe Fredheim, wird von zwei Männern umgarnt, dem Schäfer Endymion und dem rohen Waldmenschen Pan, genial und mit bedrohlich geschwungener Keule verkörpert durch Gregor Loebel. Katja Bildt singt die Rolle eines Ziegenmenschen in Pans Territorium, des männlich-burschikosen Satirino, was stimmlich gesehen für die Barockoper nichts Ungewöhnliches ist. Sie stellt ähnlich der Dienerin in der Commedia dell’Arte so etwas wie den Katalysator der dramatischen Entwicklung dar und vermittelt zwischen rein göttlicher und halbgöttlicher Sphäre. Die dramatische Handlung erreicht ihren Höhepunkt und bricht ab, als Jupiter, von seiner Frau Juno aufs Neue des (versuchten) Ehebruchs wegen kompromittiert, die Nymphe Calisto als Stern ins Firmament verbannt.

Pan (Gregor Loebel) droht mit der Keule (Foto: L. Edelhoff, Theater Erfurt).

Pan (Gregor Loebel) droht mit der Keule (Foto: L. Edelhoff).

Abgesehen von der einfühlsamen und bedachten Ensembleleitung durch den südkoreanischen Multiinstrumentalisten und Komponisten Chanmin Chung, der nun mit 27 Jahren zweiter Kapellmeister am Theater ist, kann zumal die sängerische Leistung von Jörg Rathmann hervorgehoben werden, der mit Geschick dem Genre der komischen Oper vollkommen entsprechend den Part der Jägerin Linfea spielt; Julia Stein setzt ihre Stimme in der Rolle der erzürnten und triumphierenden Juno ebenso überragend ein.

Sang zuletzt an der Bayerischen Staatsoper die Rolle des Paggio in Verdis 'Rigoletto': Julia Stein, hier vor der Himmelstür der griechischen Antike (Foto: Lutz Edelhoff).

Sang zuletzt an der Bayerischen Staatsoper die Rolle des Paggio in Verdis ‚Rigoletto‘: Julia Stein, hier vor der Himmelstür der griechischen Antike (Foto: Lutz Edelhoff).

Das Bühnenbild transportiert mit seinen Requisiten, etwa der „schiefrunden Perle“ (Schnecke) als getreuer bildlicher Übersetzung des Wortes „barocco“, die ebenso auf eine imaginierte helixförmige Treppe zwischen Erde und Himmel abzielen könnte oder des halbrunden Mondes als Sit- und Liegefläche, vielschichtigen Sinn – ebenso wie sich in der Agogik der Orchesterstimmen und der schauspielerischen Gestik besondere Merkmale der Barockoper entfalten.

 

 

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.