Laibach in der Kantine, Köln

Für Alle und Keinen

Milan Fras (Laibach) in der Kantine, Köln (Stephan Wolf)

Milan Fras (Laibach) in der Kantine, Köln (Stephan Wolf)

Das slowenische Künstlerkollektiv versteht es auch im achtunddreißigsten Jahr seiner Existenz, dem eigenen Anspruch mit einem sich permanent verschiebenden Fokus ebenso Geltung zu verschaffen, wie mit modifizierten Aufgriffen früherer Schaffensphasen. So auch bei ihrem Kölner Gastspiel im Zeichen des „Zarathustra“. Multi-medial sinnfällig und musikalisch brillant aufbereitet, erweist sich das Sujet – auch außerhalb seiner ursprünglich theatralen Adaption – als absolut tragfähig. Bevor mit beherzten Griffen in die Schatzkiste des Repertoires ein denkwürdiger Abend ausklingt.

Ob Nietzsche und sein allenfalls vorgeblich vollständig zu durchdringendes Buch „für Alle und Keinen“ in der Kölner Kantine sein Wesen entfaltet, bleibt eine individuell anzustellende Spekulation. Fest steht, dass es Laibach, – allem voran der unabdingbare Blickfang des Sängers Milan Fras (in rot!), später auch die ihn in dieser Funktion ablösende Mina Špiler – gelingt, einen veritablen Sinnenrausch zu entfalten, dessen Halbwertzeit sogar die Lektüre des gesamten Nietzsche zu überdauern vermag. Brachial, erhebend und subtil zugleich.

Mina Špiler (Laibach) in der Kantine, Köln (Stephan Wolf)

Mina Špiler (Laibach) in der Kantine, Köln (Stephan Wolf)

Im letzten Drittel setzen Fras, Špiler und Co. auf bewährte Ikonographien und neuerliche Re-Kontextualisierungen, wobei der Rekurs auf Frühwerke (Brat Moj, Ti, ki izzivaŝ) sowie auf das Album Kapital (Wirtschaft ist tot, Le Privilege des Morts) die zuvor angedeutete Überwindung des (alten) Menschen und Gott konterkariert: Macht ist Geld ist Gott. See That My Grave Is Kept Clean (eine live inzwischen zum festen Programm gehörende Version des Klassikers von Blind Lemon Jefferson) verleiht dieser Erkenntnis einen erneut dialektisch fundierten Hauch von leidgeprüfter Spiritualität und Erlösungsphantasie. Doch die größte Sensation, das unglaubliche Novum, ereignet sich ganz zum Schluss: Milan Fras, der Unnahbare, grüßt ins Publikum – und lächelt.

Vor Sonnenaufgang:
youtube.com/watch?v=b39CfCN2bNE

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