Interview mit Joachim Witt

„Große Gefühle werden im Alltäglichen abtrainiert“

Joachim Witt: "Rübezahl" (Ventil Records/Soulfood)

Joachim Witt: „Rübezahl“ (Ventil Records/Soulfood)

amusio: „Reflektiert die Sagengestalt – im Hinblick auf ihre populär-mehrheitsfähige Erscheinungsform – auch deinen Sinn für Selbstironie? Nimmst du somit deinen Kritikern auch etwas den Wind aus den Segeln? Indem du ihnen die Angriffsflächen aufraust?“

Joachim Witt: „Wenn dem so ist, dann gerne. Aber ich glaube eher, dass es um einen subtilen Vorgang handelt. Und ich vordergründig nicht wirklich darauf achte. Meine eindringlichen, emotionalen Bilder sind nun einmal nicht jedermanns Sache. Große Gefühle werden im Alltäglichen abtrainiert. Rationalität und Effektivität stehen im Vordergrund. Das ist nicht unbedingt meine Welt!“

amusio: „Mit wiedererlangter Schwere formulierst du fatalistisches Pathos aus dem Geiste des Widerstands, des Aufbegehrens. Erbauung, Hoffnung, wilde Euphorie und wüste Harmonie verkehren miteinander. Teilst du die Ansicht, dass es unsinnig wäre, diese Ambivalenzen auflösen zu wollen? Sie der Eindeutigkeit zu opfern?“

Joachim Witt: „Ich denke, ich bin eindeutig genug. Interpretationsspielräume sind hier schon relativ eng gefasst. Das ist kein unbedingt bewusster Vorgang. Ich lasse meine Gedanken und Empfindungen einfach fließen und erhebe auch keinen intellektuellen Anspruch. Ich möchte als emotionaler Mensch wahrgenommen werden, der seine Gefühle und Empfindungen in seiner Arbeit offen zeigt.“

amusio: „Auf Rübezahl überwiegen winterliche Szenarien und Assoziationen. Hast du den klimatischen Gegenpol – samt sengender Hitze und Weltenbrand – im Sinne der Stimmigkeit bewusst ausgeklammert?“

Joachim Witt: „Es ist einfacher als du denkst. Das ist das, was ich mit Emotionen oder Gefühlslagen meine. Das Album ist im Herbst entstanden. Ich war von dem Gefühl bestimmt, dass mich und uns eine klimatisch unwirtliche Zeit erwartet. Mit all ihrer Schönheit, aber auch dunklen Destruktivität. Ich denke in dem Moment nicht daran, dass meine Musik im Frühjahr erscheinen wird. Sonst hätte ich sicher noch eine besonders fröhliche Zeile eingebaut (lacht).“

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