Sortisationen

Was wissen wir über historische Improvisation?

Anhaltspunkte, wie in Renaissance und früher Barockzeit improvisiert wurde, liefern uns die weitestgehend freien melodischen Modelle, wie sie in der sonata da camera in der Regel die Oberstimme einer instrumentalen Komposition, häufig durch die Violine repräsentiert, liefert. Da um 1600 herum häufig nur zwei oder drei Stimmen in- oder exklusive Basso continuo notiert wurden, die Ensembles aber, denkt man nur an Schütz‘ Symphoniae sacrae, über einen erhebliche Zahl an Musikern verfügten, die nach den aus der Vokalpolyphonie tradierten weitgehend strengen Satzregeln Füllharmonien und -melodien hinzuspielten.

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Ein später Nachfahre der auf Improvisieren beruhenden Modelle unter dem Sammelbegriff Sortisatio ist das Programm 'Impro-Visor' (3.2.2011, Rmkeller, CC-Liz.).

Ein später Nachfahre der auf Improvisieren beruhenden Modelle unter dem Sammelbegriff Sortisatio ist das Programm ‚Impro-Visor‘ (3.2.2011, Screenshot, Rmkeller, CC-Liz.).

Der improvisierte mehrstimmige Satz stellte in der europäischen Aufführungspraxis über mehr als dreihundert Jahre, wenigstens vom 15. bis zum 17. Jahrhundert, die Normalität dar. Das mehr oder (besser:) weniger freie Hinzufügen von Stimmen zum cantus firmus wurde im Begriff der Sortisatio im Gegensatz zur schriftlich fixierten Compositio gefasst. Der Reiz der Sortisatio lag für die Ausführenden im Effekt des Unvorhergesehenen, mit dem das Publikum in Staunen versetzt werden konnte. Dass dabei als allgemein verbindlich geltende Regeln etwa des Kontrapunkts, verletzt wurden, liegt auf der Hand. So mag zuweilen auch die übermäßige Quart geradezu mit Absicht verwendet worden sein …

Bei den Hütern des verordneten Stils mag eine Übertretung der geltenden Satzregeln für Empörung gesorgt haben, die Höreröffentlichkeit hingegen bewunderte Abweichungen und Verkehrungen, denn gefragt war ja das Neuartige, bislang Ungehörte. Insofern verwundert es auch nicht, dass gerade im 16. Jahrhundert allerorts die „freien“ Formen jenseits des vierstimmigen Chorals alter Schule aufblühten, etwa in den Stücken für Tasteninstrumente im sakralen wie privaten Raum: Fantasia, Präludium, Toccata, Ricercare, Tiento oder Choralbearbeitung. Über „starren“ Ostinatobässen wurde nach Belieben improvisiert, mit Vorliebe in der Tanzmusik, wovon Ground, Romanesca, Folia, Chaconne und Passacaglia reiches Zeugnis ablegen.

Eine Aufführung der ursprünglich (und bis heute) auf freiem Improvisieren beruhenden 'Follias para cantar y danzar' (G. Garitan, 29.8.2015, CC-Liz.)

Eine Aufführung der ursprünglich (und bis heute) auf freiem Improvisieren beruhenden ‚Follias para cantar y danzar‘ (G. Garitan, 29.8.2015, CC-Liz.)

Der Begriff der Sortisatio bezieht sich im deutschsprachigen Raum, wo er auftauchte, allerdings lediglich auf die vokale Improvisation eines mehrstimmigen Satzes mit Melodieführung. In der ersten Silbe des an „Solmisatio“ wohl angelehnten Kunstworts selbst steckt „sors“, lateinisch für „das Zufällige „. Den frühesten Beleg liefert ein Manuskript der Proskeschen Musik-Bibliothek aus dem Jahr 1476, in dem auch auf Schmücken und Verzieren (mit alternativen Klängen) verwiesen wird: „sortisare est aliquem cantum diversis melodijs improuise ornare“. Auszierungen und Verfremdungen von Melodien bilden später ja Merkmale des stylus luxurians und des stylus phantasticus.

Es wurden gerade im Übergang zur Barockzeit Musiker namhaft, die Sortisatio nicht als Kunst, sondern „gewohnheitsmäßig“ praktizierten, nach Johannes Nucius auch der lange in Prag wirkende franko-flämische Sänger und Kapellmeister Jacob Regnart (1540 – 1599) mit seinen zwischen 1576 und 1579 herausgegebenen Villanellen.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.