Porträts brasilianischer Komponist/inn/en IL

Ausrufung der Republik

Im Gedächtnis der meisten Brasilianer ist Francisco Braga verankert, weil er mit seinem Hymnus auf die Fahne als erster den offiziellen musikalischen Beitrag zur 1889 ausgerufenen Republik geliefert hatte. Erst durch das zu diesem Zeitpunkt erlassene Dekret wurde er allerdings zur wirklichen Staatshymne; im Jahr darauf legte er sie anlässlich eines Wettbewerbs, der zu nämlichem Zweck ausgeschrieben war, vor und wurde damit unter den ersten vier Beiträgern prämiert.

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Klarinettist, Komponist mit Weltformat,  Professor und dirigent: Francisco Braga (1868 - 1945) bestimmte das kunstmusikalische Leben Rio de Janeiros und Brasiliens selbst wesentlich (24.4.1937, Braz. Cop.).

Klarinettist, Komponist mit Weltformat, Professor und dirigent: Francisco Braga (1868 – 1945) bestimmte das kunstmusikalische Leben Rio de Janeiros und Brasiliens selbst wesentlich (24.4.1937, Braz. Cop.).

Der Urheber des Hymnus wurde am 15. April 1868 in Rio de Janeiro geboren, an dessen Musikhochschule er später bei Antônio Luís de Moura Klarinette studierte und sich in Kontrapunkt wie auch Harmonielehre von Carlos de Mesquita ausbilden ließ. Der Paukenschlag der Republikgründung beschäftigte ihn noch 1905, als er auf die Verse von Olavo Bilac eine neue Komposition der Hino à Bandeira vorlegte. Zu dieser Zeit hatte er bereits ein weiteres Studium in Tonsatz bei Jules Massenet in Paris abgeschlossen, von wo aus er nach Dresden übersiedelte und in den Sog von Wagners Werk geriet. Doch inspirierte ihn sein Landsmann Bernardo Joaquim da Silva Guimarães (1825 – 1884) dazu, den Stoff seines Romans Jupyra für eine gleichnamige einaktige Oper zu nutzen, die er selbst zum Anlass seiner Rückkehr nach Brasilien im Jahr 1900 erstmals dirigierte.

Die 2002 erschienene CD vermittelt Eindrücke ebenso von Bragas Oper 'Jupyra' wie von seiner Tondichtung 'Cauchemar' (Orquestra de Sao Paulo, John Neschling, B01K8QM7NI, BIS).

Die 2002 erschienene CD vermittelt Eindrücke ebenso von Bragas Oper ‚Jupyra‘ wie von seiner Tondichtung ‚Cauchemar‘ (Orquestra de São Paulo, John Neschling, B01K8QM7NI, BIS).

Offenbar behielt der Komponist, der 1902 zum Professor am Instituto Nacional de Música ernannt wurde, sein Faible für militärische und staatstragende Musik bei, denn er trug zum spezifisch brasilianischen Repertoire der (politischen) Hymne und des Marschs auch in Zukunft reichlich bei. Aus diesem Grunde und um seiner Oper O contratador de diamantes auf der Basis eines Dramas von Afonso Arinos willen nannte man Francisco Braga burschikoser, aber anerkennender Weise „Chico dos Hinos“.

Jules Massenet (1842 - 1912) gab Francisco Bragas Werk wesentliche Impulse (Portrait, US p.d.).

Jules Massenet (1842 – 1912) gab Francisco Bragas Werk wesentliche Impulse (Portrait, US p.d.).

 

Angesichts dieser Tendenz kann aber leicht in Vergessenheit geraten, dass Braga auf vielerlei Gebieten beschlagen war, angefangen bei seiner sinfonischen Dichtung Insônia („Schlaflosigkeit“), die mit großem Erfolg 1909 im Teatro Municipal do Rio de Janeiro uraufgeführt wurde. Weitere sinfonische Kompositionen, beispielsweise Marabá oder Cauchemar entstanden bereits in den 1890er Jahren. Vereinzelt blieben hingegen Werke für andere Besetzungen, etwa der nur für Streichorchester geschriebene Canto de Outono (1908) und die für den kirchlichen Gebrauch komponierte Missa de S. Francisco Xavier.

Noch lange beschäftigte ihn neben der Poesie die Oper: Sicher ist es kein Zufall, dass den national gesonnenen Republikaner „der ersten Stunde“ ein Stoff wie Anita Garibaldi faszinierte, aus dem er zwischen 1912 und 1922 ein eigenes Musikdrama schuf. Nicht zuletzt sollte daran erinnert werden, dass Francisco Braga als Mitbegründer der Sociedade de Concertos Sinfônicos die gesellschaftliche Bedeutung der Kunstmusik in Brasilien wesentlich beförderte, vor allem, indem er anschließend für zwei Dezennien als ihr künstlerischer Direktor und Dirigent fungierte.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.