Interview mit Jean-Michel Blais

„Es kann die Kraft eines einzigen Tons sein, die hemmende Dogmen infrage stellen lässt“

Jean-Michel Blais (John Londoño)

Jean-Michel Blais (John Londoño)

Der aus Montreal stammende Komponist und der Hinzufügung von IDM-Elementen nicht abgeneigte Pianist Jean-Michel Blais hat mit seinem Zweitwerk Dans ma main (Arts & Crafts/Caroline International) heute ein Album veröffentlicht, das in berückender Form aufweist, wie sich Sentiment und Feingefühl kohärent vollziehen lassen. Wer der sogenannten Neoklassik skeptisch gegenübersteht, weil sie vermeintlich ein Übermaß an Unverbindlichkeit evaporiert, kann sich also nunmehr eines Besseren belehren lassen. Ohne sich dabei als der Schulmeisterei ausgesetzt zu empfinden. Als wir vor Wochen von Köln aus mit dem in Berlin weilenden Jean-Michel Blais sprachen, konnte er es sich nicht verkneifen, seine guten Erinnerungen an die Domstadt voranzustellen, die er bei einem Besuch seines Freundes Chilly Gonzales sammeln konnte. „Sie ist wahrscheinlich nicht die schönste Stadt, aber ihr Vibe hat mich sehr beeindruckt. Besonders die Mischung aus katholischer Tradition und multikultureller Offenheit haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, so Jean-Michel Blais.

amusio: „Bonjour Jean-Michel, auf deinem neuen Album greifst du inhaltliche Komponenten von Landsleuten wie den Lyriker Hector de Saint-Denys Garneau oder die Songwriterin Safia Nolin auf. Empfindest du dich als Repräsentant oder Botschafter der franko-kanadischen Kultur?“

Jean-Michel Blais: „Dies behaupten zu wollen, würde wohl etwas zu weit führen. Zudem übernimmt die innere Stimme meiner unwillkürlichen Erwägungen zumeist die Kontrolle über mein rational veranlagtes Nachdenken über die Themen, denen ich mich musikalisch nähern möchte. Die beiden Autoren haben ihren Eingang auf Dans Ma Main vermutlich aus zweierlei Gründen genommen. Zum einen ihr offenes Bekenntnis zur Homosexualität, zum anderen ihre vollkommene Klarheit des Ausdrucks. Ihr eifere ich nach, da sie meinem Wesen entspricht. Ich bin ein Pianist, der es keineswegs darauf anlegt, seine technischen Fähigkeiten eitel zur Schau zu stellen. Auch als Instrumentalist geht es mir vielmehr um die Erzeugung einer universellen Verständigung. Und die lässt sich eben nicht auf einen bestimmten Kulturkreis einengen. Dabei möchte ich den Hörern ein Höchstmaß an individuellem Interpretationsspielraum eröffnen. Selbst dann, wenn sie meine Musik bevorzugt beim Fahrradfahren genießen sollten (lacht).“

amusio: „Trotz ihrer Ungebundenheit im Hinblick auf einen bestimmten Zweck erscheint mir deine Musik nicht dazu geschaffen, allein interesseloses Wohlgefallen auszulösen. Gefallsucht entspricht nicht ihrer Kragenweite, hierzu streut sie ein viel zu hohes Maß an subtiler Prägnanz. Wie gelingt es dir, deine gedanklich-emotionalen Intentionen expressiv zu konfigurieren? Verfolgst du eine Strategie, mit der du deine Hinweise an den Hörer steuern kannst?

Jean-Michel Blais: „Deine Frage bestellt ein immens weites Feld. Und ich muss zugeben, dass ich gerade nicht weiß, wo ich bei meiner Antwort ansetzen soll. Die Musik an sich ist immer in mir. Aber es bedarf eines Triggers, einem Einfluss von außen, damit ich sie veräußern kann. Vielleicht ist das schon eine Art Strategie. Nehmen wir mal den Track Roses zum Beispiel. Tatsächlich verhandelt er die Erfahrungen eines Freundes, der seine Mutter an den Krebs verlor. Lässt also eine Ansammlung von nostalgischen Momenten Revue passieren. Aber nur weil du nun weißt, woran ich bei diesem Stück gedacht habe, erwarte ich nicht, dass du von nun an immer an Krebserkrankungen und den Tod denkst, sobald du Roses hörst. Das hoffe ich zumindest. Es würde mir hingegen sehr gefallen, wenn sich meine Hörer untereinander austauschen und sich lebhafte Konfrontationen von Interpretationen ergeben würden.“

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