Zum 10. Symphoniekonzert 2017/18

Konzertant mit sportlicher Note

Drive mag in popularmusikalischen Zusammenhängen etwas anderes suggerieren: Im Fall von Vito Žurajs gleichnamigem Konzertstück für Schlagzeugtrio und Orchester, das gestern im Theater Erfurt seine Uraufführung erlebte, hat es weniger mit vorantreibenden pulsierenden Rhythmen zu tun, sondern mit Laufbewegung als solcher, die nicht monodirektional nach vorne gerichtet ist, sich vielmehr im Kreis und in räumlichen Gegenrichtungen realisiert.

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Eine sportliche Tischrunde: Kilian Hartig (links) studierte in Dresden u.a. bei Dominic Oelze, Marcel Richter in Weimar bei Hans-Joachim Naumann und Jean-Pierre Lim (rechts) in Leipzig bei Stefan Stopora. Er ist Solist und Schlagzeuger im Philharmonischen Orchester Erfurt.

Eine sportliche Tischrunde: Kilian Hartig (links) studierte in Dresden u.a. bei Dominic Oelze, Marcel Richter in Weimar bei Hans-Joachim Naumann und Jean-Pierre Lim (rechts) in Leipzig bei Stefan Stopora. Er ist Solist und Schlagzeuger im Philharmonischen Orchester Erfurt (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Dahinter steht ein grundsätzlich anderes Konzept, wie es eher aus dem Mittelalter bekannt ist: So erscheint in den Carmina Burana das Leben des Menschen als Kreislauf, in dessen Zentrum das Ordo-Prinzip seinen Platz hat, gewissermaßen die göttliche Mitte, aus der sich alles in der Natur, in die der Mensch eingebunden ist, organisiert. Die Jahreszeiten der nördlichen Hemisphäre bilden mit dem Werden und Vergehen und Wiederneuwerden einen solchen Zirkel, den ebenso das Ziffernblatt der Uhr abbildet. Sekundiert wurden die drei Schlagzeugprofis Kilian Hartig, Marcel Richter und Jean-Pierre Lim, wobei letzteren das Publikum vor Ort aus beinahe jeder Aufführung mit größerer Besetzung kennt, im Mittelteil des Konzertabends vom Symphonischen Orchester Erfurt.

Entsprechend dem Prinzip des „Kreis-Laufs“ bewegen sich die Solisten um einen runden Tisch, der nach oben auf eine Leinwand gespiegelt wird, in der die Musiker aus der Vogelperspektive wahrgenommen werden. Diese Visualisierung ist entscheidend für das Verständnis des avantgardistischen Werks, denn so wird sichtbar, dass die mit Teelöffeln auf Metallröhren Holzstäben und Handtrommeln spielenden Musiker sich nicht nur um den Tisch verfolgen, sondern auch die Richtung wechseln, weggehen, hinzukommen, miteinander und gegeneinander agieren.

Verfolgen sich auf Handtrommeln und Metallstäbchen spielend um den runden Tisch: die drei Solisten im Konzertstück 'Drive' von Vito Žuraj (Theater Erfurt).

Verfolgen sich auf Handtrommeln und Metallstäbchen spielend um den runden Tisch: die drei Solisten im Konzertstück ‚Drive‘ von Vito Žuraj (Theater Erfurt).

Die drei Außenpositionen werden durch das Vibraphon auf der Linken, das Schlagzeug auf der Rechten und die Pauken im Hintergrund bestimmt, während der Tisch im Vordergrund der Bühne das Zentrum darstellt, an dem die verschiedenen Kräfte aufeinandertreffen und sich wiederum abstoßen. Ähnlich wie in einem barocken Cembalokonzert mit sparsamer Streicherbegleitung fungiert nach den Worten des an diesem Abend übrigens persönlich anwesenden Komponisten das Orchester selbst als „Bindeglied“ für die gemeinsamen solistischen Auftritte der Perkussionisten; es überbrückt sie mit kurzen Passagen, die zu einem guten Teil von Glissando-Bewegungen über die Tonskala hinweg bestimmt werden.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.