Zum 10. Symphoniekonzert 2017/18

Konzertant mit sportlicher Note

Vito Žuraj, Jahrgang 1979 und Kompositionsprofessor in Ljubljana, konnte am Abend des 17. Mai 2018 die Uraufführung seines Stücks 'Drive' miterleben (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Vito Žuraj, Jahrgang 1979 und Kompositionsprofessor in Ljubljana, konnte am Abend des 17. Mai 2018 die Uraufführung seines Stücks ‚Drive‘ miterleben (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Der Schwerpunkt des Stücks liegt jedoch auf dem Positionswechsel der drei Protagonisten, die ihren Wettstreit auf der Basis äußerst kleinteiliger rhythmischer Einheiten ausfechten. Spätestens mit deren erstem Einsatz wird klar, warum sie in legerer Kleidung und Sportschuhen auftreten: Anders ist der Parcours-Lauf mit seinen schnellen Wechseln zwischen vorne und hinten, links und rechts gar nicht zu bewältigen. Ein witziger Einfall ist über die insgesamt zutreffende Originalität des Stücks hinaus, dass zum Ende hin die Schallquellen aus der Mitte des runden Tisches nach außen gegeben werden und allmählich, aber zügig aus dem Hör- und Gesichtskreis des Publikums entschwinden – vergleichbar vielleicht der Aufführung eines Orgelwerks, bei dem der Musiker zum Schluss hin die Register stetig nacheinander abschaltet bis der letzte Ton verklingt.

Den Rahmen des 10. Symphoniekonzerts beherrschten zwei Zyklen aus dem barocken und klassischen Spektrum. Dirigent Samuel Bächli ordnete sie chronologisch um das Zentrum von Žurajs neuester Komposition an. J.S. Bachs 1. Ouvertüre C-Dur ist einerseits eine glanzvolle, gleichzeitig aber elegante und anmutige Aufeinanderfolge von Tänzen, die von einem längeren Stück nach dem Maß der französischen Ouvertüre eingeleitet werden. Samuel Bächli beendete den mal behutsam-gemächlichen mal schwungvollen Lauf durch das Programm von Courante, Gavotte, Forlane, Menuett, Bourrée und Passepied unspektakulär. Als Zuhörer mochte man sich vorstellen, dass sich bruchlos etliche weitere galante Tänze anschließen wie an einem mehrstündigen Ballabend im Versailles Ludwig XIV. …

Die ersten 14 Takte des wegen seiner Taktwechsel "berüchtigten" Menuetts von Joseph Haydns Sinfonie Nr. 65 (ca. 1769; geschrieben mit MuseScore 2.1, p.d.)

Die ersten 14 Takte des wegen seiner Taktwechsel „berüchtigten“ Menuetts von Joseph Haydns Sinfonie Nr. 65 (ca. 1769; geschrieben mit MuseScore 2.1, p.d.)

Der voreilige, aber synchron einsetzende Publikumsapplaus nach dem vorletzten Satz von Bachs Suite wurde durch eine kurze Handbewegung des Dirigenten humorvoll abgebrochen. Samuel Bächlis Haydn-Zyklus Sinfonisches Kaleidoskop bildete dann den zweiten Teil des Konzerts nach der Pause. Im letzten Satz, dem Vivace assai aus Sinfonie Nr. 82, ging es ohne jegliche dramatische Zuspitzung – wie häufig bei einem pompös genommenen Finale – ebenso mehr um ein „Aussingen“ der instrumentalen Stimm(grupp)en.

Bächlis Alternative zu Simon Rattles bereits unternommener „sinfonischer Reise“ durch Haydns Werk orientiert sich deutlich an den sogenannten ‚Pariser Sinfonien‘, die sich durch einen größeren Reichtum an Kontrasten gegenüber den späteren aus der Londoner Zeit auszeichnen. Das Herzstück für den Arrangeur bildet gewissermaßen der dritte und Menuettsatz aus der Sinfonie Nr. 65 seiner ungewöhnlichen Taktwechsel wegen.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.