Weltpremiere auf Tonträger

Florenz, 1625: Ein Paukenschlag

Adlige Förderung erlaubte es insbesondere im Italien und Frankreich des 17. Jahrhunderts Frauen, auch als kreative Künstlerinnen an die Öffentlichkeit zu treten. Manchmal geschah dies von Seiten der höchsten Instanz, nämlich der Regierenden selbst, wie es in Florenz 1625 der Fall war: Dank des Auftrags und der Unterstützung von Christine de Medici konnte die Ensembleleiterin, Sängerin und Multiinstrumentalistin Francesca Caccini ihre Ballett-Oper La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina am 2. Februar 1625 im Schloss Poggio Imperiale zur Aufführung bringen, (nicht nur) aus heutiger Sicht ein Paukenschlag der Musikgeschichte, da es sich um die allererste von einer Frau komponierte Oper handelte.

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Ohne ihren Auftrag wäre Francesca Caccini auch heute nicht so bekannt geworden: Maria Magdalena von Österreich (1589 – 1631) beauftragte sie mit der märchenhaften Oper ‚La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina‘ (Gemälde von Franz Pourbus dem Jüngeren, ca. 1603/04, p.d.).

Zu dieser Zeit war der Name Francesca Caccinis, die aus einer angesehenen Musikerfamilie stammte, dem italienischen wie auch europäischen Publikum seit längerem vertraut, denn ihre geschulte Stimme hatte sie als Opernsängerin mit dem Etikett „La Cecchina“ berühmt gemacht. Durch zusätzlichen Unterricht war sie auch in der französischen, spanischen und lateinischen Sprache versiert und konnte sich ebenso in fremdsprachige Vokalwerke einarbeiten. An der Schwelle zum Barock war sie von ihrem Vater, dem über Florenz weit hinaus bekannten Sänger Giulio Caccini ausgebildet worden.

Etwa 390 Jahre später, erst vor kurzem also, nahm sich der Leiter des offizielle Website, Paul van Nevel, des bedeutenden Bühnenwerks Ruggieros Befreiung von Alcinas Insel nach dem Libretto des Dichters Ferdinando Saracinelli an.

Ferdinando Saracinellis (1583 – 1640) Libretto zu ‚La liberazione di Ruggiero …‘ bezieht sich stofflich auf Lodovico Ariostos epischen höfischen Roman ‚Orlando furioso‘, der auf das frühe 16. Jahrhundert zurückdatiert (Titelseite 1625 mit der Widmung an Kaiser Sigismund, p.d.).

Keine einfache Aufgabe, denn der Druck von 1625 weist Lücken auf, die durch den kurzen Regiehinweis der „didascalia“ (durch die Komponistin) zu ergänzen waren: Nach Melissas tröstendem Gesang für die von der Zauberin Alcina verwunschenen Pflanzen soll ein „sehr vornehmer“ Tanz eingefügt werden, den Caccini laut Paul van Nevel möglicherweise nie geschrieben hat, der hier womöglich sogar als Improvisation einzufügen war. Was im Druck ebenso fehlt, ist der Generalbass, den auf der seit diesem Jahr vorliegenden Einspielung die in der frühbarocken, „modernen“ Gesangsmanier des weltlichen Fachs erfahrenen Musiker des Huelgas Ensemble mit Baruckposaune, Basskrummhorn, Trommel, Triangel und Zimbeln möglichst stilgetreu zu ergänzen hatten.

Die Aufnahme vom Anfang 2016 aus der Augustinerkirche in Antwerpen wirkt sehr natürlich und lässt sich in ähnlicher Hall- und Gesamtklangdisposition auch in einem größeren Schlosssaal mit hoher Decke, wo das Werk ja zuerst aufgeführt wurde, akustisch vorstellen. Gemäß den zeitgenössischen Angaben aus dem frühen 17. Jahrhundert, zu denen auch Giulio Caccinis Anmerkungen in seinem Traktat Le nuove musiche von 1602 zu zählen sind, präsentieren sich die Gesangsstimmen „schlank“ und an die melismatischen Gepflogenheiten der mittleren und späten Monteverdi-Jahre angepasst. Hier spielt das Singen nach den Affekten, die in den Libretto-Versen zum Ausdruck kommen, die nunmehr entscheidende Rolle. Dies bedeutet Freiheit in der Interpretation, denn tatsächlich sind lediglich die harmonische Faktur und die Tonhöhe genau zu befolgen.

Giulio Parigi zugeschriebener Bühnenbildentwurf zum vierten spektakulären Aufzug von Francesca Caccinis Oper mit einer Schar von Soldaten zu Fuß und Kavallerie (p.d.)

Zauberin Alcina, vertreten durch die Mezzosopranistin Michaela Riener, Ruggiero, repräsentiert vom Tenor Achim Schulz und Melissa, die von Sabine Lutzenberger gesungen wird, setzen die Vorgaben und die Möglichkeitsräume für ihre dramatische Gestaltung mit großer Überzeugungskraft um, „Übertreibungen“ werden vermieden. Die Chorpartien zeichnen sich in der Einspielung durch noble Zurückhaltung aus, die mit ihrem berückend gefühlsinnigen Melos schon Passagen aus Monteverdis Nero-Oper L’incoronazione di Poppea oder gar aus manchen frühen Lully-Opern vorausahnen lassen.

Prolog der Oper (zur Verfügung gestellt von Paul van Nevel, p.d.)

Dahinter steht freilich eine wahrhaft europäisch verortete Repräsentantin ihres Fachs: Denn Francesca Caccinis Gesang als junge Interpretin imponierte bereits den Vorfahren des Sonnenkönigs: 1604 war sie an den französischen Hof eingeladen und gebeten worden dort weiterzuwirken – was allerdings durch Ferdinand I. verhindert wurde, der sie nach Florenz zurückbeorderte. Und schließlich entstand diese Oper erst durch Veranlassung Maria Magdalenas von Österreich, verheiratete di Medici, anlässlich des Besuchs des polnischen Kronprinzen Wladyslaw Wasa. Somit ist Paul van Nevels Realisation der Oper gerade heute nicht zuletzt Plädoyer für eine gesamteuropäische Kulturszene.

Welterste Gesamteinspielung der Oper durch Paul van Nevel mit dem Huelgas Ensemble (Deutsche Harmonia Mundi, ASIN: B07895XFH4, 16.3.2018)

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.