Porträts brasilianischer Komponist/inn/en L

Initiator einer Orchesterlandschaft

Man fühlt sich an manche US-amerikanische Musikerlaufbahn erinnert: José de Lima Siqueira, der als Jugendlicher auch das Saxophonspiel erlernt hatte, fand seine Berufung zum Musiker als Trompeter im Symphonieorchester einer brasilianischen Militärakademie. Vor allem sein Studium bei Francisco Braga und Walter Burle-Marx zum Ende des 1920er Jahre, das Dirigieren und Komposition einschloss, ermöglichte ihm letztlich den Anschluss an eine internationale Tätigkeit.

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José de Lima Siqueira (1907 im Bundesstaat Paraíba – 1985 in Rio de Janeiro) gab die Initialzündungen für den Ausbau des brasilianischen Musiklebens, die durch die Verbote der Militärdiktatur zwischenzeitlich ein jähes Ende fanden (Foto IVO 2).

Seine Reisen als Dirigent führten ihn zunächst in die Vereinigten Staaten und nach Kanada, dann über den Ozean nach Frankreich, Portugal, Italien, Russland und in weitere europäische Länder. Nach seiner Rückkehr standen ihm alle Türen offen, weshalb er bald die Initiative ergriff und 1940 das Orquestra Sinfônica Brasileira gründete, neun Jahre später zudem das Orquestra Sinfônica do Rio de Janeiro. Seine Bemühungen erstreckten sich indes auch auf die wissenschaftliche Seite: So besuchte Lima Siqueira noch 1953 Kurse für Musikwissenschaft an der Pariser Sorbonne.

Entscheidend für den weiteren Ausbau des brasilianischen Musiklebens wurde nach Lima Siqueiras Gründung des Ordem dos Músicos do Brasil, dessen Präsidentschaft er übernahm, dass er 1961 das Orquestra Sinfônica Nacional ins Leben rief. 1967 folgte als Pendant das führende Kammerorchester Brasiliens. Einen schweren Rückschlag erlitt seine Karriere, als er durch die Militärdiktatur mit einem Lehr-, Veröffentlichungs- und Dirigierverbot belegt wurde und ins Exil in die Sowjetunion ging.

Antônio Parreiras‘ dekorative Illustration, die einen Musiker mit imaginärem Instrument zeigt, für den Innenraum des Instituto Nacional de Música von Rio de Janeiro, an dem José Lde Lima Siqueira Dirigieren und Komposition studierte (1921, p.d.)

Den Hauptteil seines Schaffens als Komponist bilden symphonische Werke, außerdem Opern, Oratorien, Lieder und eine Kantate. In Siqueiras Wirksamkeit als Hochschuldozent fallen verschiedene musikpädagogische und -theoretische Werke, unter anderem ein grundlegender Instrumentationskurs. Titel wie die Tänze Senzala, Uma festa na Roça, die Suite Carnaval carioca, Dança Frenética für Klavier, die an afrikanische religiöse Riten anknüpfende Kantate Candomblé und Leito de folhas verdes, aber auch die Posaunenstudien spiegeln die wahrhafte Lebensfreude des Vielvölkerstaats Brasilien, die sich durch die Diktatur nur vorübergehend hemmen ließ.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.