Zur räumlichen Bindung musikalischer Traditionen

Verortungen: lokal, regional oder überregional?

Kann der Ostseeraum unter musikhistorischen Vorzeichen auch deshalb als einheitsstiftender Regionalbereich bezeichnet werden, weil die Hanse durch ihr wirtschaftliches und handelspolitisches Netzwerk (einst) in den Künsten Tätige gleichermaßen miteinander in Beziehung setzte? Musiker tauschten sich über Landesgrenzen hinweg aus, gingen beieinander in die Lehre, wetteiferten und beeinflussten sich, wenn es um Stilfragen oder wenigstens um die Auswahl von geeigneten neuen Kompositionen für kirchliche oder andere öffentliche Aufführungen ging. Lange vor der Ausbildung nationaler Strömungen war die Besetzung von Stellen im „Ausland“, je nach Ruf, Berufung und finanziellen Mitteln eine gewissen Selbstverständlichkeit, was beispielhaft im 17. Jahrhundert der Einsatz italienischer Musiker am schwedischen Hof oder Heinrich Schütz‘ persönlicher Einsatz anlässlich der dänischen Königshochzeit zeigt.

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Zwischen den Anrainerländern der Ostsee bestand (schon im Mittelalter) reger wirtschaftlicher und kultureller Austausch: Musiker wurden von Kopenhagen nach Stockholm und in umgekehrter Richtung vermittelt … (Arnold Lyongrün: Abend an der Ostsee, Gemälde vom 15.7.1921, p.d.).

Im Falle des Baltikums beschäftigt sich die Musikgeschichtsschreibung bereits seit mehr als zwanzig Jahren mit Mobilität und werkorientierten und soziologischen Aspekten des Kulturtransfers. Demgegenüber stehen deutlich ältere Bemühungen, einen regional eng begrenzten Raum im „eigenstaatlichen“ Interesse zu erforschen, wodurch verdienstvollerweise zahlreiche Komponisten (neu) entdeckt wurden und archivalische Sammlungen ausgewertet oder überhaupt erst neu geschaffen wurden. Resultate aus solchen Bemühungen waren in deutschsprachigen Gebieten Reihen wie Die Denkmäler der Tonkunst in Bayern (hier schon ab 1900), im Rheinland, Norddeutschland, Salzburg, Baden-Württemberg, Mitteldeutschland und als eines der jüngsten Projekte in Dresden. Die Kehrseite solcher Anstrengungen waren nationalistisch gefärbte Schlussfolgerungen aus Forschung, die die Einzigartigkeit regionaler Musik behauptete und Komponisten wie Dirigenten aufgrund schöngefärbter Biographien zu Heroen ihres jeweiligen Landes überhob – wo sie dies nicht schon selbst befördert hatten …

Ihre eigene städtische Stiltradition entwickelten die Brass Bands in New Orleans – und grenzten sich damit ebenso wie in ihrer Besetzung von denen anderer Regionen ab (Nawlin Wiki, 11.4.2008, CC-Liz.).

Bemerkenswert ist die positivistische Detailfreudigkeit, mit der in der Regionalforschung Wissenschaftler zu Werke gingen. So konnten auch die Ursprünge bestimmter musikalischer Formen und Gattungen enträtselt werden, etwa die genauere regionalhistorische Verortung provenzalischer Tänze in Frankreich. Durch Sammel- und Auswertungsfleiß konnte die Entwicklung mancher lokaler Chor- und Orgelschulen in der USA nachvollzogen werden, alte städtische kunstmusikalische Traditionen wurden in Europa durch die Schlüsselfunktion von Stadtpfeifern und -musikanten seit der Renaissancezeit ermittelt, Anonyma konnten im Hinblick auf ihre folkloristischen Elemente Regionen zugeordnet und damit bestimmten Urhebern mit einiger Wahrscheinlichkeit zugeschrieben werden. Oder es konnten dank vergleichender Analyse und Archivarbeit gravierende „geographische“ Irrtümer der Autorschaft aufgedeckt werden: Als prominentes Beispiel für letztere sei die sichere Identifikation Unico Willem Graf van Wassenaers als des Komponisten jener namhaften sechs Concerti armonici genannt, die zunächst lange Zeit Giovanni Battista Pergolesi angedichtet worden waren.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.