Musik der Karibik LIII

Ein naheliegender Kulturtransfer

Die unter zur Tyrannei neigenden Präsidenten vorherrschende Armut auf Haiti mochte und mag viele zur Auswanderung bewegt haben. Insofern nimmt es nicht wunder, dass in den USA, unter anderem in New York City, haitianische Musiker eine neue Heimat gefunden haben und dort nicht nur aktiv geblieben sind, sondern einen fast überschäumenden Optimismus an den Tag legen. In der Nostrand Avenue, wo sich noch vor dem Millenniumswechsel viele ansiedelten, hatte sich zwischen Schallplattenläden und Friseurgeschäften auch der Produzent Jerome Donfred mit seinem Unternehmen JD’s Records niedergelassen.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Saxophonist auf einem haitianischen Jazz-Fest im Süden Floridas (Sant La Haitian Neighburhood Center, Knight Foundation, 13.5.2010, CC-Liz.)

In New York-Stadt blühte eine eigene Szene auf, von der zum Beispiel Nouvel Jenerayshun in der Flatbush Avenue und in Queens die Aufnahmestudios von Mark Records profitierten – schließlich versorgte man hier nicht nur die eingewanderten Landsleute mit aktueller Musik, die beinahe von Anfang an auch mit nordamerikanischen Stilrichtungen vermischt wurde. Vom Zouk beeinflusst ist die Tabou Combo, deren Sound von Compas, Akkordeon und Gitarre getragen wird, die aber auch zunehemend synthetisch erzeugte Klänge einbezog. Außerdem hat sich hier das Hip-Hop-Trio The Fugees etabliert, Wyclef Jean, Sohn eines baptistischen haitianischen Ministers tauchte auf und mischte Gospeltöne mit Funk-Reggae auf.

Ra-ra-Feste finden vornehmlich in der Osterwoche statt. Dazu treten auch Spieler der Bambustrompete Vaksen auf (11.4.2009, LombinodrAlfonso Lomba, CC-Liz.).

Naheliegender als New York freilich ist die andere große außerhaitianische Community in Miami, die auch eher Ähnlichkeiten mit den Lokalitäten der Musiker in Port-au-Prince aufweist. In den angesagtesten Tanzlokalen, etwa Le Limekey, eroberte sich die Band Top Vice ihren Platz. Die Bands freilich, die auf Dauer in den pulsierenden und hochprofessionellen US-amerikanischen Metropolen nicht mithalten wollten oder konnten, zog es nach Haiti zurück, wo sie die Szenen des zu Festivals zelebrierten Ra-Ra – hierfür steht die Formation Boukman Eksperyans, außerdem der wegen seiner Protestsongs ausgewiesene Folksänger Manno Charlemagne – und der Pentecostal Music belebten, die sich stark an den überkommenden Jahresfesten orientieren.

Literatur u.a.: World Music Vol. II

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.