Töne aus den Staaten: Pennsylvania, Ohio, New York

Fusion der Sphären

Der Musikalienhändler Henry Kleber wirkte, was für gut ausgebildete Immigranten in den USA des 19. Jahrhunderts keineswegs ungewöhnlich war, in Lawrenceville – einem später eingemeindeten Stadtteil von Pittsburgh – als Liedkomponist und -begleiter, Impresario und Dirigent – je nach Auftragslage. Einer seiner Schüler wurde der Autodidakt Stephen Collins Foster, der sich mit viel Geschick bereits das Spiel auf Geige, Klarinette, Flöte, Gitarre und Klavier beigebracht hatte.

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‚Lou’siana Belle‘ schrieb Stephen Collins Foster (1826 – 1864) schon 1837 (p.3, Foster Hall Collection, US p.d.).

Außer von ihm profitierte Stephen Foster von Dan Rice, einem in Minstrel Shows bei Wanderzirkusunternehmen in der Rolle eines Blackface-Clowns, Darstellers und Sängers auftrat. Im praktischen Sinne übte dieser den größten Einfluss auf den jungen angehenden Komponisten aus, der bereits mit dreizehn Jahren den Tioga Waltz und im Alter von achtzehn Open Thy Lattice Love geschrieben hatte. Aus der ungewöhnlichen Fusion beider Sphären, nämlich der des klassischen Unterrichts und des äußerst populären Minstrel, der dem Publikum afroamerikanische Kultur vorgaukelte, in Wirklichkeit aber lediglich auf irischer Fiddle-Musik basierte, entwickelte Foster seine Liedkunst, die ihm später den Namen eines „Vaters der amerikanischen Musik“ einbrachte, dies nicht zuletzt dank des auf Kalifornien bezogenen Goldrausch-Hits O Susanna.

Thomas Hicks war der Urheber dieses Gemäldes, das den Komponisten Stephen Collins Foster zeigt (National Portrait Gallery, NP G 65 52, US p.d.).

In den Minstrel Shows waren seit den Jahren um 1830 zunächst nur weiße Sänger und Musiker zu hören, die sich mit Kohle oder Schminke ein afroamerikanisches Aussehen gaben, während um die Wende zum 20. Jahrhundert auch Schwarze so auftraten und so verbergen konnten, dass sie afrikanischen Ursprungs waren, um der Diskriminierung, wenn nicht gar dem Ausübungsverbot, zu entgehen. Jedenfalls zeigten sich Stephen Foster und seine Freunde von den Minstrel-Liedern fasziniert, in Folge entstanden viele, noch heute sehr bekannte Songs.

Angefangen mit Camptown Races (1850), Nelly Bly, Old Folks at Home (1851), Old Dog Tray, Hard Times Come Again No More (1854) und dem in Verbindung mit seiner Frau Jane Denny McDowell entstandenen Jeanie With the Light Brown Hair aus demselben Jahr begann seine Arbeit den Christy Minstrels in Pennsylvania, wohin er nach einer Zeit als Buchhalter bei der Dampfschifffabrik seines Bruders in Cincinnati zurückgekehrt war. Old Folks at Home war bald so weit verbreitet, dass es der amerikabegeisterte Antonín Dvořák 1893/94 für Soli, Chor und Orchester setzte und der Staat Florida es 1935 zur offiziellen Hymne erklärte – auch wenn der häufig über die Südstaaten schreibende Liedkomponist Stephen Foster dort so gut wie nie persönlich gewesen war …

Populär: Klassische Musik spielt auch als (Partitur-)Illustration auf Hauswänden in den Vereinigten Staaten eine Rolle (Park Lot-Nara, Minneapolis, Minnesota, US p.d.).

Beliebt sind unter den 200 Songs, die er verfasste, gleichermaßen bis heute Ring, Ring de Banjo (1851), Gentle Annie und Beautiful Dreamer (1862). Wohl auch infolge seiner frühen klassischen Privatausbildung beeinflussten ihn in seinem Schaffen das deutsche Lied und die italienische Oper, dasselbe gilt für die englische, irische und schottische Volksmusik, die im (städtischen) Umfeld immer präsent war. Eine nachhaltige Krise führte auch zu einer qualitativen Einbuße bei seinen Liedern: 1860 war er nach New York umgezogen, zwei Jahre später zogen seine Ehefrau und Tochter nach Pittsburgh zurück. Zu Lebzeiten profitierte der Komponist finanziell von seinen Erfolgen kaum, erst 1970 wurde er in die Songwriters Hall of Fame aufgenommen.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.