Kanadas Klassik (vor und) in der Sattelzeit

Erfolgsgeschichten von mutigen Reisenden

Eher nebenberuflich machte im von Frankreich besetzten Teil des heutigen Kanada Louis Joillet (1645 – 1700) als erster klassisch ausgebildeter Komponist von sich reden, denn er ging gerne auf Abenteuerreisen und tummelte sich „allround“ vorwiegend auf Feldern wie der Landerkundung sowie -erschließung und der Hydrographie. Noch etliche Jahre nach dem Ende der Barockepoche waren keine Musiker in Sicht, die sich überwiegend der Tonkunst gewidmet hätten: Zumeist handelte es sich um Chorleiter, Organisten und Musiklehrer. Allerdings wurden populäre Tanzstile auf dem Land wie in der Stadt mit hoher Profession bedient; in den Kreisen des Adels galt häusliches Musizieren als Privileg.

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Der Reisende und Händler Joseph Quesnel kam als Kapitän eines Schiffes mit Aufständischen in die Neue Welt und wurde in Halifax von den Briten inhaftiert, auf Veranlassung des Gouverneurs von Québec wieder freigelassen und wurde kanadischer Bürger (Gemälde von Gerritt Schipper, ca. 1808/09, Musée régional Vaudreuil-Soulanges, p.d.).

Dennoch hinkte die Ausübung klassischer „bürgerlicher“ Musik nicht hinter den Entwicklungen in den Vereinigten Staaten her: Europäische Musik, insbesondere diejenige Händels, Johann Christian Bachs, Haydns, Mozarts und Pleyels erklang vorzugsweise in der 1764 erbauten Konzerthalle von Québec. Gegen 1790 entstand die erste genuin kanadische Oper, die auf den ebenso unerschrockenen Reisenden wie rührigen Pelzexporteur und Weinimporteur Joseph Quesnel (1746 – 1809) zurückgeht, der ursprünglich aus der nordwestfranzösischen Stadt Saint-Malo kam. Lucas et Cécile (1788) war dabei mehr „Operette“, mehr mit Arietten ausstaffierte Komödie in Prosa als eine regelrechte Oper. Dasselbe gilt für das noch im selben Jahr komponierte Comédie-Vaudeville Colas et Colinette, ou le Bailli Dupé, zu deutsch: „Colas und Colinette oder der hinters Licht geführte Gerichtsvollzieher“.

Zwischen 1800 und 1806 folgten Lieder wie etwa 1801 der Chanson Le petit bonhomme vit encore, gereimte Komödien, geistliche Musik für eine große Kirche in Montréal, Motetten sowie eine Abhandlung über die Schauspielkunst für den Nachwuchs unter dem Titel Adresse aux jeunes acteurs (1805). Letztere ist darauf zurückzuführen, dass es der gelernte Geiger, Dramaturg und Dichter Quesnel dank seines unternehmerischen Geists bis zum Theaterdirektor gebracht hatte und damit mehr oder weniger als erster in Kanada ein Handbuch für den (praktischen) Theaterunterricht geschaffen hatte. Darüber sollte nicht vergessen werden, dass er Symphonien und Streichquartette schrieb, die leider verloren sind.

Diese mit 17 Metern Höhe größte Fiddle der Welt, gebaut von Cyril Hearn, kann in Sydney, Neuschottland, bewundert werden (Dennis Jarvis, 26.4.2008, CC-Liz.).

Nach der in Kanada überall verbreiteten – in der Regel tanzbaren – Musik für Fiddle, die vor (deutlich) mehr als 200 Jahren von schottischen Siedlern in Nordwestamerika importiert wurde und landesweit zum beliebtesten Instrument wurde, machten sich dort wie auch sonst in der westlichen Welt Tänze wie Quadrille, Polka, Walzer oder Galopp breit und eroberten die Öffentlichkeit …

 

Kanadische Klassik-Konzerte

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.