VocaMe nähert sich spätmittelalterlicher Vielstimmigkeit

Mon bel ami – je voy trop bien …

Um es gleich vorweg zu sagen: Originale Melodien aus der Feder der franko-italienischen Schriftstellerin Christine de Pizan liegen bei einer neueren Aufnahme des Ensembles VocaMe nicht vor, doch sind andererseits viele der Chansons und Liebeslieder dieser bedeutenden Dichterin des späten Mittelalters ohne Gesang und Begleitung, gerade, wenn man die vielfältigen Aufführungsmöglichkeiten der Zeit in Betracht zieht, undenkbar – schließlich vertonte ihr Zeitgenosse Gilles Binchois mit Dueil engoisseus eines der Lieder, das auch auf der CD zu hören ist,

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Das Ensemble VocaMe widmete sich einer wichtigen Dichterin des 14. und 15. Jahrhunderts, Christine de Pizan (B0145TOIEK, Berlin Classics, 2015).

Wenn man berücksichtigt, dass mehrstimmige Musik aus dem 14. Jahrhundert äußerst rar ist, wird verständlich, warum in den hier vorliegenden Kontrafakta, parallel zum Fall der heutigen Praxis auf Mittelalterfesten, mit polyphoner Stimmlichkeit gearbeitet wird, wie sie erst ein paar Jahrzehnte später in der Renaissancezeit aufgezeichnet wurde, inklusive Kanon oder terz- und sextversetztem Singen.

Petra Noskaiová, Sarah M. Newman, Gerlinde Sämann und Sigrid Hausen, nicht zuletzt der Multiinstrumentalist und Dirigent Michael Popp eingeschlossen, erzeugen mit ihren Arrangements ein ebenso klares wie durchdachtes Klangbild, das seinesgleichen sucht und Authentizität glaubwürdig suggeriert. Dabei wurde sowohl den lebensfrohen als auch den moralistischen und nachdenklichen Seiten der Autorin Rechnung getragen: Den römischen Dichter Ovid betrachtet Christine de Pizan durchaus kritisch (Ovide moralisé), sie kennt die Tücken einer sich anbahnenden Liaison zwischen adliger Dame und Chevalier genau, sie sie ehrt aus humanistischem Selbstverständnis das Andenken der Johanna von Orléans (Ditie de Jehanne d’Arc).

Aus der Ausgabe ihrer gesammelten Werke: Christine de Pizan (ca. 1365 – 1429) am Schreibpult (Andrea Hopkins: Six medieval women, p. 108; US p.d.)

De Pizan war nicht nur versiert und auf dem Stand der Zeit, wenn es um die Kenntnisse antiker und mittelalterlicher Bildungsgüter ging, dies beweist ihre Referenz auf Boethius und Dante gleichermaßen. Dabei ließ sie traditionelle Erwartungen an einen regelmäßigen Vers beiseite, experimentierte mit freien Prosaformen. Sie empfahl in einer ihrer Schriften die Gründung einer Frauenstadt auf der Basis dreier Tugenden, freilich ohne feministische Absichten. Die vorliegende Aufnahme bietet nicht nur ein Panorama entborgener Melodienschätze aus der Übergangszeit zur Renaissance, sie vermittelt auch einen Überblick über Pizans gesamtes Schaffen.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.