Zum Anlass des gestrigen Konzerts auf dem Münchner Odeonsplatz

Dvořáks Programme

Symphonische Dichtungen auf der Basis tschechischer Sagen, einige Stücke Kammermusik und die Symphonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“: Dort, wo es um vorwiegend außermusikalische Programme oder aus folkloristischer Gebrauchsmusik Entstandenes wie die Slawischen Tänze und seine Böhmische Suite ging, wurde Antonín Dvořák konkret und vertiefte sich, auch um lyrische Stimmungen zu erzeugen, ins Detail.

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Vor dem Publikumsansturm: Klassik auf dem Münchner Odeonsplatz. Auch am lauen Sommerabend des 13. Juli 2018 war (nahezu) kein Platz vor der Feldherrenhalle als Bühne mehr frei … (Juni 2007, Bbb, CC-Liz.).

Demgegenüber mögen vielen Zuhörerinnen und Zuhörernn seiner Konzerte die nationalromantisch aufgeladenen, aber nicht von einem expliziten „Programm“ geleiteten orchestralen Werke – man denke an die Symphonien Nr. 5 bis 8 – in ihrem primrepetitionsdominierten, mittels Blechbläsern und Schlagwerk auf Fortissimo-Wirkungen setzenden Gestus des Öfteren ein wenig martialisch und vordergründig erscheinen.

Weltklassesoprani-stin Diana Damrau gestaltete den ersten Teil des Abends mit Arien aus Opern von Massenet und Gounod (hier: 16.4.2015, Franz Johann Morgenbesser, CC-Liz.).

Dabei konnte man gestern auf dem Münchner Odeonsplatz im Anschluss an Auftritte von Diana Damrau miterleben, welchen Instrumentalfarben der Komponist vorzugsweise seine Aufmerksamkeit schenkte: Neben den Waldhörnern, die auch sonst in seiner „programmatischen“ Musik eine wichtige Rolle spielen, stellte besonders das Englisch Horn mit seinem sanften bezaubernden Ton vor allem im 2. und 3. Satz der 9. Symphonie offensichtlich die passende Alternative  im traditionellen europäischen Orchester für den klagenden „Liebeston“ indianischer Flöten dar, obwohl nicht bekannt ist, dass er ihre Weisen auf seiner Nordamerikareise kennengelernt hätte.

Antonín Dvořák (1841 – 1904) hatte ein besonderes Faible – und Feingefühl – für den Klang der Waldhörner und des Englisch Horn (NSRW, infanf, 4.5.2008, US p.d.).

Dvořák zitierte keine der bei den Indianern erlauschten Melodien direkt, sondern ließ sich im Akt des mehr oder weniger unmittelbaren Erinnerns von ihrem emotionalen Stimmungsgehalt treiben. Dasselbe gilt für die „schwarze“ und Anfang der 1890er Jahre noch keineswegs im amerikanischen Konzertleben etablierte Musik, die in die 9. Symphonie einfloss. Cristian Măcelarus Leitung des BR-Symphonieorchesters fiel moderat  schwungvoll aus, in die elegisch angesetzten Passagen des Englisch Horn floss auch ein warmer, heiterer Ton mit ein, der das triumphale Dur-Finale im Sinne einer durchweg optimistischen Sicht von den und auf die Vereinigten Staaten gewissermaßen vorwegnahm. An vielen Stellen der aus variierenden Themenkombinationen aufgebauten Sätze bricht sich die für Dvořák so charakteristische Verwendung tschechischer, mährischer und slowakischer Tänze Bahn, die sehr direkte Inspiration durch amerikanische Lebenswelten, mit der er konfrontiert wurde, vermischt sich hier jedoch unlösbar mit slawischer Folklore.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.