In aller Kürze: Zum Profil der Chasse-Tradition

Stimmentausch und Zirkelkanon

Der Stimmentausch in einem polyphonen Satz kann als Ergebnis einer Stimmenkreuzung gesehen werden, doch handelt es sich in der Regel um das absichtsvolle Vertauschen von zwei Stimmen in verschiedenen Lagen – wenn also beispielsweise die im „Sopran“ vorgegebene Melodielinie in die Lage des „Tenors“ rückt und umgekehrt. Häufig wird  damit eine Variierung des vorgegebenen Materials angestrebt, etwa wenn der Wechsel, wie in der Symphonie der Klassik, zu Beginn einer neuen Durchführung eintritt. Von diesem Prinzip ist die alte Satztechnik der zunächst einstimmig notierten Chasse bestimmt.

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Oswald von Wolkenstein, Raubritter und Minnesänger, dichtete und komponierte eine Chasse in Form eines Zirkelkanons (Gedenkstein in Bressanone, 1.3.2008, p.d.).

Schon rein formal handelt es sich bei dieser buchstäblichen „Jagdmusik“ um drei sich ab- bzw. verfolgende Stimmen in der Prim, wodurch ein Kanon entsteht. Leider sind nicht viel historische Beispiele dafür überliefert. Um eine echte Chasse in der Anlage eines zirkulär verlaufenden Kanons handelt es sich bei Oswald von Wolkensteins um 1420 entstandenem Vokalstück Talent m’est pris de chanter, wobei der Autor für seinen Zweck den Text umgestaltete. Zu dem Lied liegen im übrigen verschiedene Kontrafakturen vor.

Auf einer typischen Chasse a courre kommen Jagdhörner zum Einsatz: Reiter, Hunde und Wild folgen sich wie die drei Stimmen der frühen, aus dem Frankreich des 14. Jahrhunderts bekannten ‚Chasse‘ (Luna04, August 2004, GNU Free Doc. Lic.).

Ohne jeglichen Bezug zur Kanontechnik taucht der Name „Chasse“ später als Bezeichnung für Jagdstücke im ganz bildlich und wörtlich zu nehmenden Sinn auf, da hier Jagdhornsignale verwendet werden. Als Beispiele dafür können sowohl Joseph Haydns Sinfonie D-Dur Nr. 73 La Chasse, Beethovens 6. Symphonie F-Dur „Pastorale“ als auch Anton Bruckners 4. Symphonie Es-Dur angeführt werden.

Im Metropolitan Museum of Arts zu besichtigen: ein Jagdhorn in G aus der Werkstatt von Jacob Schmidt um 1710/20 (acc.no. 14.25.1623, CC-Liz.)

Weniger verständlich ist, warum, wie eine populäre Etymologiebildung vorgibt, der Begriff „Jazz“ aus Chasse entstanden sein soll, da selbst, wenn man genuine Formen des Genres aus den Jahren um 1920 zugrundelegt, keine (strukturelle) Verwandtschaft zu erkennen ist; vielmehr ist der Jazz aus Tanzformen hervorgegangen, wie sie seit längerem in den USA und dann in Europa en vogue waren, etwa dem Ragtime und anderen von Blue-Note-Harmonisierungen bestimmten „schwarzen“ Stilen.

Literatur u.a.
Reinhard Amon: Handbuch der musikalischen Formen. Wien 2011.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.