Porträts brasilianischer Komponist/inn/en LI

Rhythmische Noblesse

Malazarte hieß seine einzige Oper, daneben schrieb er für das Musiktheater die Ballette Imbapara und Amaya. Sein Werk ist vergleichsweise von mittlerem Umfang, die Themen waren aber sehr ausgesucht und zeugen von einer gewissen, aus europäischer Perspektive indigen-exotischen Vornehmheit. Lorenzo Fernândez (1897 – 1948) blieb als Komponist der Moderne doch ganz der Rhythmik und Bildhaftigkeit der brasilianischen Folklore, ihren Traditionen und den sich darauf beziehenden Kunstgattungen verbunden, der bevorzugte Aufenthalts- und Wirkungsort seit Kindheitstagen war dauerhaft Rio de Janeiro.

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Nicht zu verwechseln mit einem uruguayischen Fußballspieler: (Oscar) Lorenzo Fernândez profitierte (nicht nur als Komponist) vom Unterricht bei seinen Hochschullehrern Francisco Braga, Frederico Nascimento und Henrique Oswald (publ. 1950, Bibliothèque national de France, p.d.).

Angesichts des Pensums als Dozent für Harmonielehre, ein Amt, das er in Vertretung für seinen erkrankten Lehrer Henrique Oswald übernahm, seiner Gründung des Konservatoriums in Rio de Janeiro und der späteren Professur für Chorgesang am Conservatório Nacional de Canto Orfeônico erstaunt die Fülle der kompositorischen Ideen und Genres, die Lorenzo Fernândez bediente: Dazu zählen neben zwei Symphonien, fünf symphonischen Dichtungen mit Bezug auf die brasilianische Kulturgeschichte, Chormusik, zahlreichen Klavierstücken, einem Violin- und einem Klavierkonzert zwei bedeutendere Orchestersuiten, wovon eine in drei Sätzen auf die dreiaktige Oper Malazarte (1931 – 1933) zurückgreift. Eine große Rolle in der Entwicklung seines Schaffens spielte der frühe Hang zum Impressionismus, während die mittlere Periode bis etwa 1938 einen nationalromantischen Überhang aufweist und das Spätwerk mit sinfonischen Variationen, dem 2. Streichquartett und Kammermusik für Klarinette und Fagott universalistisch ausgerichtet war.

Populär bis heute ist Oscar Lorenzo Fernândez‘ Name wegen des ‚Batuque‘ aus seiner Suite auf der Basis der Oper ‚Malazarte‘, hier in einer klassischen Aufnahme mit Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern (B004FA4TNA, Soundmark Records, 1961/2010).

 

Das Libretto zu Malazarte stammt von dem Dichter José Pereira da Graça Aranha aus São Luís im Bundesstaat Maranhão, der dafür sein deutlich früher verfasstes gleichnamiges Schauspiel aus dem Jahr 1911 umgestaltete. Mit der Opernfassung erst wurde es stofflich wie klanglich zu einer Ikone der brasilianischen „Nationalromantik“. Aus der Suite zu Malazarte kennt heute noch (fast) jede(r) den als afrobrasilianischen Tanz ausgewiesenen Batuque.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.