Zur Musikgeschichte Estlands im frühen 20. Jahrhundert

Tallinns (verspätete) Romantik und Moderne

Abgesehen von Rudolf Tobias, dem ersten namhaften estnischen Komponisten nach der staatlichen „Wiedergeburt“ des Landes, fungierten seine Kollegen, deren Wege sich irgendwann und auch öfter in der Hauptstadt kreuzten, zeitweise oder für viele Jahre in Tallinn. Die nationalen Bewegungen in Estland, Lettland und Litauen setzten mit dem Sängerfest 1869 hier im ehemaligen Reval ein, das somit innerhalb des Baltikums auch die nationalromantische Vorreiterrolle einnahm. Zuvor war es nur ausländischen eingewanderten professionellen Musikern wie etwa Carl Christian Agthe (1762 – 1797) möglich gewesen, auf dem Gebiet der Kunstmusik Impulse für das Konzert- und Opernleben zu geben. Letzterer soll in Reval das Singspiel Erwin und Elmire nach Goethes Vorlage auf die Bühne gebracht haben.

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Panoramablick vom Turm der St.-Olaf-Kirche auf die Altstadt Tallinns, des einstigen Reval, das erst um 1900 eine eigene Komponistenschule hervorbrachte (5.8.2012, Diego Delso, delso.photo, License CC-BY-SA).

Der geographischen Lage entsprechend wurde von den meisten Komponisten in der ersten eigenständigen Kunstmusikperiode Estlands St. Petersburg als „natürlicher“ Studienort gewählt; außer dem Einfluss Nordwestrusslands auf die Entwicklung der estnischen Musik spielte auch der des nahen Finnland eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der Organist und Musiklehrer Artur Kapp wirkte ab 1920 als Dirigent des Estonia-Theaters und Professor für Komposition an der Musikakademie Tallinn, Mart Saar wurde dort mit ähnlichem Hintergrund Herausgeber der Musikzeitschrift „Muusikaleht“, arbeitete aber sonst als freischaffender Komponist und Organist. Zusammen mit seinem Bruder Theodor kann Artur Lemba als erster Klaviervirtuose seines Landes gelten; nach dem Studium in St. Petersburg übernahm er 1923 die Klavierprofessur am Tallinner Konservatorium.

Schauspielerporträts in der heutigen Musik- und Theaterakademie Tallinn, dem einstigen Konservatorium der Stadt (Tammets, 20.6.2008, CC-Liz.)

Im Alter von bereits 53 Jahren erhielt Heino Eller, ein in der Zeit der stalinistischen Vorherrschaft angepasster, tonal schreibender Komponist eine Dozentenstelle an der heutigen estnischen Musik- und Theaterakademie. Doch scheint er in seiner stilistischen Entwicklung jegliche Freiheiten ausgekostet zu haben: Sein überwiegend von Instrumentalmusik bestimmtes Werk orientierte sich sowohl an der einheimischen Folklore als auch an Impressionismus, Expressionismus und modernen Richtungen.

Cyrillus Kreek (1889 – 1962) fungierte in Tallinn als Professor für Musiktheorie; unter zahlreichen geistlichen Chorkompositionen schrieb er auch ‚Armastuslaul 13. sajandist‘ für Orchester (1943; HM F 1686:1 Ff; ca. 1910, EU p.d.).

Cyrillus Kreek, ein Posaunist aus dem ländlich geprägten Saanika, wurde 1944, anders, als seine praktische Ausrichtung als Musiker zunächst vermuten lassen mochte, Dozent für Musiktheorie am Tallinner Konservatorium, nachdem er ein Lehrerseminar absolviert hatte. Überwiegend verarbeitete der wendige Allround-Chorleiter sowohl geistliche als auch weltliche estnische Volksliedmelodien und verfasste dementsprechend vornehmlich Werke für Chorgesang. Neben Kantaten wie Kalevipoeg nõiakoopas (1953) komponierte er aber auch für Orchester, unter anderem Musica sacra (1943) und seine Setu sümfoonia (1953).

Offizielle Website: Estnische Musik- und Theaterakademie

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.