Start einer neuen Reihe aus Aarhus mit Tobias Ringborg

Genius der Instrumentation

Aufs erste Hören scheint es, als wären sowohl sämtliche Moden als auch historische Einschnitte an ihm vorbeigegangen. Dennoch war es nun höchste Zeit, an diesen heimlichen nordischen Meister der Instrumentation Svend Erik Tarp zu erinnern. In größerem Umfang unternimmt dies derzeit der schwedische Geiger, Dirigent und Blomstedt-Preisträger Tobias Ringborg, der in Stockholm als Mitglied der Königlichen Musikakademie firmiert. Ihm gelingt es mit dem Aarhus Symfoniorkester in eleganter Form, quasi en passant, den schier unglaublichen raumerkundenden Einfallsreichtum des Dänen besonders hinsichtlich seiner Instrumentation, aber auch in Sachen Melodik und Harmonik ganz auszuloten.

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Hinter der statistisch wirkenden Grafik des Covers verbergen sich in Wahrheit fantasievolle Orchesterwerke des Dänen Svend Erik Tarp (1908 – 1994), dirigiert von Tobias Ringborg (ASIN: B07C5NSRYT, Dacapo Records, 8.6.2018).

In manchen Passagen glaubt man sich in die harmonisch gewagtere US-amerikanische Symphonik der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts versetzt, manchmal mag man an Maurice Ravel denken, mitunter auch an Antonín Dvořák, doch fällt die Musik von Svend Erik Tarp vielfach subtiler, feinsinniger und zudem abwechslungsreicher aus. Sie ist bildkräftig und von wechselnden Emotionen bestimmt, auch wenn ihr ein überwiegend heiterer, gelöster Ton eignet. Dem entspricht die Wahl seiner Sujets: Gerade in den deprimierenden Jahren des Zweiten Weltkriegs, als die dänische Kulturpolitik durch ihre Stillstandshaltung unter dem versuchten Zugriff des unmittelbar benachbarten Dritten Reiches gelähmt war, beschäftigte sich der Komponist mit mutmachenden Klangwelten, die ihn vor den Zeitläuften nicht kapitulieren ließen.

In der Nähe des malerisch gelegenen Schlosssees von Kolding im mittleren Süden Jütlands wuchs der in seinem Schaffen unbeirrbare Komponist Svend Erik Tarp auf (Hubertus, 12.5.2009, CC-Liz.).

 

Ganz im Gegenteil: Mit dem Ballett Den detroniserede Dyretaemmer, „Der entthronte Zirkusdompteur“ (war die Wahl des Titels womöglich eine unterschwellige Anspielung auf zeitgenössische Diktatoren?) legte er 1942 ebenso viel künstlerische Unbekümmertheit als Unverdrossenheit an den Tag: Mochten Uhren stillstehen, die Entwicklung der dänischen Musik ließ sich nicht hemmen; eine vergleichbare Haltung nahm in diesen Jahren auch Else-Marie Pade ein, der es gelang, der Inhaftierung durch die Nationalsozialisten wieder zu entkommen. Ein wenig und nicht umsonst erinnert die Zirkus-Suite aus dem Ballett mit Nummern wie Löwen, Akrobaten und Marche triomphale an Mikis Theodorakis‘ nur wenige Jahre später entstandenen Drei Karnevalstänze Maibaum, Pony und Kamel.

Heimat für Klassik: Im Musikhuset Aarhus findet die Mehrzahl der Konzerte des Aarhus Symfoniorkester statt (Jimmy Baikovicius, Flickr, CC-Liz., 13.9.2010).

Dort, wo die Themen ernsterer Natur sind, so in der Suite auf dänische Volkslieder von 1933, bleibt die Faktur der Arrangements und der Instrumentation erstaunlich beweglich, auch im Fall der bekannten Weise Ravnen, han flyver om Aften, „Der Rabe, er fliegt am Abend“: Tarp gelingt es pathetische Stimmung durch Blechbläser zu erzeugen, während erzählende Momente von Holzbläsern mit Bassbegleitung und elegische Teile durch ausgedehnten Streicherklang abgebildet werden, etwa im Schlussstück der Suite, Hr. Ramund.

In diesen Monaten feilen Ringborg und das Aarhuser Symphonieorchester an zwei weiteren CD-Folgen mit sehr unterschiedlichen programmmusikalischen Werken Svend Erik Tarps, zu denen auch das Ballett Skyggen, „Der Schatten“ (1962) nach einem „Märchen“ von Hans Christian Andersen und das Klavierkonzert C-Dur (1943) gehören werden. Schon nach der hier vorliegenden (Neu-)Einspielung ausgewählter Orchestermusik des Dänen aus Thisted mit Aufnahmedatum 2016 lässt sich von einem der bedeutendsten CD-Stapelläufe des Jahres 2018 sprechen.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.