Von einem verzögerten Digitalisierungsprozess

Changemanagement im Musikbetrieb

Auf dem Weg zur Vollbeschäftigung: Was der per se utopische und zum Maschinengehorsam erziehende Sozialismus auf produktivem und daher ökonomisch sinnvollem Weg nicht erreichen konnte, schafft Changemanagement in der Theorie und häufig auch in der Praxis. Denn hier geht es einmal darum, im Angesicht vielfältiger Modernisierung (bewährten) Mitarbeiter/inn/en den Arbeitsplatz garantieren zu können, zweitens ihnen etwa im Falle einer von außen oder innen erforderlichen Umstruktierung neue und interessantere Aufgaben zuzuweisen, nicht zuletzt mit dem Ziel, sie durch Abwechslung auf Dauer im Unternehmen halten zu können.

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Zum 80. Geburtstag der Abbey Road Studios in London rückten auch das einst bewährte Modell der Hammond RT-3-Orgel und das Challen piano wieder in den Vordergrund. Doch für Aufnahmestudios war und ist die weitgehende Digitalisierung eine große Herausforderung (MrJamesAckerley, 9.3.2012, CC-Liz.).

Das hört sich zwar schön und gut an, funktioniert in der Realität aber keineswegs immer, weil Aufnahmestudios, CD- und MP3/4-Produzenten, Konzerthäuser oder -agenturen tiefgreifenden Wandel finanziell und personell nicht so leicht meistern können – vor allem, wenn der Prozess des Changemanagement nicht frühzeitig angestoßen wurde, um die geschmälerten oder erweiterten Arbeitsvorgänge effektiv und produktiv um- bzw. neuzuverteilen.

In ihrer erst vor einem halben Jahr erschienenen empirischen Studie Die Trägheit der deutschen Musikunternehmen bei technologischem Wandel identifiziert Michalina Seekamp Selbstbilder der Musikbranche, die zu Fehleinschätzungen führen können. So glauben Produzenten und Programmplaner häufig, sie könnten Trends beim Publikum erspüren und setzen sowohl auf ihre eigenen als auch auf die Emotionen der Zuhörer. Darüber hinaus schätzen sie sich oft selbst nicht als regelrechte Geschäftsleute ein. Es wird häufig mehr dem Moment vertraut als vorausdenkendem Planen. Auf der Basis der durch Interviews erhobenen Daten lässt sich so auch erklären, warum die Bereitschaft zur notwendig umfassenden betrieblichen Digitalisierung insgesamt gering ist. Konkurrenzdenken und Erfolgsdruck in der Musikbranche verleiteten zum gegenwartsbezogenen kurzfristigen Agieren. Das dichte Wertschöpfungsnetzwerk der Akteure fördere in der auf gemeinsamen Überzeugungen aufbauenden Branche ein Verständnis, das Merkmale einer eigenständigen Makrokultur ausbildet, die zur Abschottung im Feld des Marktes beiträgt.

Im Januar dieses Jahres legte Michalina Seekamp eine Studie vor, die auf Erhebungen in deutschen Musikproduktionsfirmen beruht (ISBN-13-978-3658206871, Wiesbaden: Springer 2018) und durchaus auf Wandlungsprozesse in der Musikbranche abzielt.

Michalina Seekamps Studie führt zwar zu ersten Lösungsansätzen, die eine Digitalisierung so mancher Musikunternehmen rascher vorantreiben könnten, doch bedürfen diese auch der Akzeptanz der Branchenakteure. Deren gewachsene eigendynamische Makrokultur muss in solche Prozesse einbezogen werden, um den Verantwortlichen ihre Basis nicht zu entziehen: Zuerst muss der Bedarf nach Musik vorhanden sein, dann erst folgen die wirtschaftlichen (modernisierenden) Maßnahmen, um den Betrieb zu sichern, ihn auf- und auszubauen.

Die jeweils unterschiedliche Bereitschaft des Publikums zum Mitvollzug des technologischen Wandels ist ebenfalls zu berücksichtigen, wofür ein einfaches Beispiel aus der Welt der Musikkonservierung herangezogen sei: Was nützt es in einem Marktumfeld mit hohen Investitionen und hohem Umstrukturierungsaufwand zu agieren, das physischen Datenträgern wie der CD mit ihrem hohen wav-Standard und den perfektionierten Abspielgeräten mehr traut als dem im Internet verfügbaren, aber speicherplatzintensiven MP4-Format, auch wenn dies sowohl qualitativ hinsichtlich der Klangqualität als ebenbürtig erwiesen hat und erheblich raumsparender abzuspeichern ist? Die Vorteile des neuen Mediums gegenüber dem gewohnten, nicht zuletzt visuell gesteuerten Zugriff auf eine „greifbare“ CD-Mediathek müssten erst einmal flächendeckend plausibel gemacht werden …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.