Pfade durch die Musiklandschaft Australien LIV

Naturlyrik minimalistisch?

Larry Sitsky sparte nicht mit kritischen Anmerkungen zu ihren Kompositionen, die er aus seiner ästhetischen Position heraus – wegen der allzu naheliegenden abbildlich aufgefassten Naturthematik – am Rande des musikalischen Populismus verortete. Doch ist nicht zu verkennen, dass die häufig für Sopranstimme und Klavier, aber auch für Kammermusik in verschiedenen Besetzungen schreibende Australierin Wendy Hiscocks seit längerem und vor allem im Bereich der Filmmusik geeignete (und bewährte) eigene Ausdrucksformen entwickelt hat. Der Ansatz lässt sich in etwa als „musikalische Realistik“ mit romantischer Note und Appellen an die Gefühlswelt des Zuhörers beschreiben.

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Wendy Hiscocks, die einen Hang zur Naturlyrik, Landschaftsforma-tionen und bestimmten Dichtern hat, arbeitet mit verschiedenen Ensembles und Solokünstlern zusammen (Bridget Eliott, Australian Music Centre).

Die frühe Begegnung mit der weitläufigen Umwelt und dem Klima in Wollongong bei Sydney, wo die Künstlerin aufwuchs, mochte sich ihr eingeprägt haben, woraus Naturminiaturbilder als Kunstlieder oder Instrumentalstücke entstanden, etwa Winter für Stimme und Klavier The Day of the Singing Birds nach Worten von Dennis Stoll, das auch in der Besetzung für Flöte, Sopran und Klavier oder Harfe vorliegt, außerdem The Flame für Violine und Klavier. Schon früh hatte sie das Klavierspiel erlernt und bereits als Jugendliche komponiert, bevor sie bei Peter Sculthorpe zu studieren begann. Ein zweijähriges Stipendium als „composer in residence“ und Kompositionslehrerin an einer Schule in Perth hatte sich angeschlossen. Das Frühwerk zeichnet sich stilistisch durch eine deutliche Tendenz zur Verwendung modaler Tonleitern aus. In diese Phase fällt auch eine energiesprühende Toccata für Klavier (1983).

Das Klavierpoem ‚Lanterns on lake Illawarra‘ spiegelt auch die (sentimentalisch-)romantische Seite der Komponistin Wendy Hiscocks (Maksym Kozlenko, 1.1.2012, CC-Liz.).

Im Jahr 1988 zog Wendy Hiscocks nach London um, wo sie mit einem Filminstitut in Kontakt kam. Für dieses lieferte sie 2010 die Musik zu einer 1903 entstandenen Stummfilmversion von Alice in Wonderland. Seit den 1990er Jahren schrieb sie häufig für ihr Instrument, das Klavier, Solowerke, verschiedenen literarischen Inspirationen folgend, unter anderem Walt Whitmans prosaischer Poesie, widmete sich in diesem Zuge aber zunehmend Natur- und Landschaftsthemen oder lyrischen Reflexionen über diese, beispielsweise mit Lanterns on lake Illawarra (2007) und Trees and lightning (2007).

In den Fig Tree Caves: Die Wombean Caves 176 km südwestlich von Sydney wurden als erste (entdeckte) australische Tropfsteinhöhle 1865 unter Naturschutz gestellt. Der Weg dorthin ist wegen seiner landschaftlichen Aussichten nicht weniger bemerkenswert und übte seinen Zauber auf die Komponistin Wendy Hiscocks aus (XLerate, 3.10.2005, GNU Free Doc. Lic.).

Das 2006 komponierte Klavierstück Wombeyan Caves bezieht sich auf eine markante Besonderheit in der australischen Landschaft. Extra zum Zweck des Besuchs dieses spektakulären Höhlensystems wurde in der Region von New South Wales eine lange Straße angelegt.

Seltener wandte sich Wendy Hiscocks bislang der Orchestermusik zu; so ließ sie sich von Rabindranath Tagores Gedicht The unheeded pageant (2000) zu einem gleichnamigen Stück für Streichorchester inspirieren, das Erlebnisse im Leben eines Kleinkinds beschreibt und mit einem tanzartigen Thema einsetzt.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.