Interview mit Birgir Thorgeirsson (Kontinuum)

Fortschritt als Falle

Dennoch handele es sich bei No Need To Reason nicht um ein klassisches Konzeptalbum. „Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob die Kollegen meine Ansichten und Überlegungen überhaupt teilen. Zumal jeder Song für sich alleine steht, sein Eigenleben führt. Allein mir hat es beim Songwriting geholfen, ein übergeordnetes Thema voranzustellen.“ Auch wenn er betont, dass es ihm widerstrebt, einzelne Songs mit ausführlichen Kommentaren zu zerreden, nimmt Birgir Thorgeirsson gerne die Gelegenheit wahr, seine auf No Need To Reason verhandelte Anthropologie zu erläutern. „Ich gehe davon aus, dass es der Menschheit nicht trotz, sondern vielmehr wegen ihrer Fixierung auf den technischen Fortschritt nicht gelingen wird, zu überleben. Denn offenbar will sie nicht zu der Einsicht gelangen, dass ihre fortwährenden Problemlösungen immer neue und schwerwiegendere Missstände hervorrufen.“

Er nennt zwei Beispiele. „Als der Mensch gelernt hatte, wie er eine ganze Herde von Mammuts auf einmal fangen und erlegen konnte, war das Aussterben dieser Beutetiergattung nur noch eine Frage der Zeit. Und obwohl wir über probate Methoden zur Empfängnisverhütung verfügen, wird die Menschheit nicht müde, sich in selbstmörderischer Weise weiter zu reproduzieren.“ Zwei Aspekte, die andeuten, in welche Fundamentalfalle uns der scheinbare Progress möglicherweise zu führen vermag – von Massenvernichtungswaffen, von auf dem Prinzip der Ausbeutung beruhenden Wirtschaftssystemen oder von der Digitalisierung einmal ganz abgesehen.
„Vielleicht würde es allen gut zu Gesicht stehen, einmal die Hände in den Schoß zu legen“, sinniert Birgir Thorgeirsson, der sich nun für die Preisgabe seiner Hintergedanken beinahe entschuldigen zu wollen scheint.

„Natürlich kann und darf man No Need To Reason auch als pure Unterhaltungsmusik genießen. Wobei ich hoffe, dass unsere Vermeidung von vorhersehbaren Songstrukturen hierzu ebenso einlädt, wie eine sich ab und an Bahn brechende Direktheit des Postpunk, die wir zuvor auch noch nicht versucht haben.“ Zumindest diese Sorge erscheint unbegründet.

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